Mit 70 Jahren den WM-Thron der Werfer erklommen

Früher hat Klaus Dreßel an der Deutschen Sporthochschule in Leipzig Studenten Wissen vermittelt. Statt auf die Theorie setzt er in reiferem Alter auf die Praxis - mit Erfolg.

Zschopau.

Mit Platz 2 beim Großen Werfer-Mehrkampf in Niesky hat Klaus Dreßel seine Saison beendet. Zum Sieg hat es diesmal nicht ganz gereicht, doch dies konnte der Senioren-Leichtathlet aus Zschopau verschmerzen. Seinen großen Moment hatte er ja schon hinter sich, indem er bei den 2. Welt-Werfer-Spielen Anfang Oktober in Purgstall das oberste Treppchen besteigen durfte.

Dass sich der 70-Jährige nun Weltmeister im Werfer-Zehnkampf nennen darf, hat mit den besonderen Wettbewerben in Niederösterreich zu tun, wo viele außergewöhnliche Wurfgeräte zum Einsatz kamen - und mit dem individuellen Werdegang des Erzgebirgers. Dreßel widmete viele Jahre seines Lebens dem Sport, konzentrierte sich dabei aber lange auf Theorie und Methodik. In den 1960er- und 1970er-Jahren schaffte er es als junger Leichtathlet der BSG Motor Zschopau lediglich zum Bezirksmeistertitel im Zehnkampf und zu Teilnahmen an nationalen Meisterschaften.

"Ab 1970 habe ich an der Sporthochschule in Leipzig studiert und wurde danach Lehrkraft im Wissenschaftsbereich Leichtathletik der DHfK", berichtet Dreßel. Unter anderem nahm er dem heutigen Kugelstoß-Bundestrainer Sven Lang vom LV 90 Erzgebirge dabei eine Prüfung ab. Als sich nach der Wende die Abwicklung der Hochschule abzeichnete, suchte er rechtzeitig eine berufliche Alternative und wurde in der Dentalbranche fündig. Mehrere Jahre arbeitete Dreßel als Regionalvertriebsleiter in einem führenden deutschen Unternehmen und gründete dann 2004 eine eigene Dentalfirma. Inzwischen könnte er längst im Ruhestand sein. "Aber das ist nichts für mich", sagt der Zschopauer, der dies nicht nur auf die Arbeit bezieht, sondern auch auf den Sport.

Ehrenamtliche Tätigkeiten sind für den 70-Jährigen seit Jahrzehnten eine Selbstverständlichkeit. So engagiert er sich aktuell im Förderverein des LV 90 Erzgebirge, beim LAC Erdgas Chemnitz, im Förderkreis der SC DHfK Leipzig sowie bei RB Leipzig. Zur Entwicklung junger Talente beizutragen, reicht dem Oldie aber nicht. Im reiferen Alter feilt er auch noch an den eigenen Fähigkeiten - und rückt somit die Praxis wieder in den Vordergrund. "Das Wissen über die sportliche Technik ist das eine, deren Umsetzung jedoch das andere, weil viel komplexer", betont Dreßel. Seit etwa 20 Jahren widmet er sich inzwischen speziell dem Werfer-Mehrkampf und versucht dabei, die gesammelten Erkenntnisse selbst umzusetzen. Ein guter Sportwissenschaftler muss nicht zwangsläufig ein guter Athlet sein. Doch Dreßel ist offenbar in der Lage, sein Wissen optimal anzuwenden. So erkämpfte er unter anderem mehrere deutsche Meistertitel. Und das, obwohl die Konkurrenz im Seniorenbereich groß ist: "Da sind bei nationalen Titelkämpfen stets 25 bis 30 Aktive in einer Altersklasse am Start und es geht zur Sache, als wären sie gerade mal 25 Jahre alt."

Nicht ganz so groß war das Teilnehmerfeld bei den 2. Welt-Werferspielen. Zu "exotisch" waren in Purgstall wohl die Herausforderungen an die Teilnehmer. "Einige Wurfgeräte hatte ich noch nie zuvor in der Hand", sagt Dreßel zum Beispiel in Anspielung auf den 40 Kilogramm schweren Ultrastein beim Steinstoß-Zehnkampf der AK 70: "Dieser unhandliche Quader ließ sich schlecht fassen, über den Kopf heben und dann aus dem Anlauf werfen." Trotzdem kam er auf eine erstaunliche Weite von 2,81 Metern. Die Premiere im Gewichtshochwurf über eine Latte brachte sogar den Spitzenwert mit sich. Glatt vier Meter wurden für Dreßel notiert.

Bei den separat ausgetragenen Wettbewerben Ultra-Fünfkampf sowie Steinstoß-Zehnkampf gelang jeweils Platz 2. Tags darauf durfte der Zschopauer in der Königsdisziplin Gold bejubeln. Zu diesem Werfer-Zehnkampf gehören neben den herkömmlichen Disziplinen wie Diskus-, Speer-, Hammer- und Gewichtswurf sowie Kugelstoß noch der einarmige Gewichtswurf, das einarmige Schocken, der Schleuderball- und Keulenwurf sowie das Gewichtsstoßen. "Nach drei Wettbewerben mit 15 Stunden Wettkampf und rund 150 Würfen war man komplett platt", sagt der Senior, der nun aber genügend Zeit zur Regeneration hat. Die Saison ist ja vorüber.

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