Schlechtes Zeugnis für die Politiker

Schulsport: Regionalkoordinator Carsten Baude kritisiert die Rahmenbedingungen und lobt zugleich das Engagement vieler Beteiligter

Mit der Zeugnisausgabe endet heute das Schuljahr auch im mittleren Erzgebirge. Für "Freie Presse" war dies ein Anlass, um mit Schulsportkoordinator Carsten Baude auf die vergangenen zehn Monate zurückzublicken. Im Gespräch mit Andreas Bauer lobt er die erkämpften Erfolge sowie das Engagement vieler Schüler und Lehrer. Gleichzeitig schlägt der Sportlehrer aber auch extrem kritische Töne an.

Freie Presse: Welches Zeugnis stellen Sie dem Schulsport im mittleren Erzgebirge aus?

Carsten Baude: Auf jeden Fall ist diese Note deutlich besser als die Zensur für die Politiker, die für den ,überraschend gekommenen' und ,nicht vorhersehbaren' Lehrermangel verantwortlich sind. Diese Probleme betreffen jetzt auch den Schulsport. Die traurige Realität ist, dass schon jetzt aufgrund fehlender Lehrerkapazitäten Sportstunden weggekürzt werden müssen. Statistische Angaben belegen, dass der Sport nach wie vor das beliebteste Unterrichtsfach bei den Schülern ist. Da fällt es mir schwer zu glauben, dass nach Aussagen der Landesregierung Schüler durch den Wegfall von Sportstunden entlastet werden.

Das klingt, als seien Sie und andere Sportlehrer extrem frustriert?

Natürlich. Wie kann man die demokratische Form der Online-Petition mit über 30.000 Unterstützern gegen geplante Stundenkürzungen so ignorieren? Da braucht man sich nicht über Politikverdrossenheit und Wählerwanderung wundern. Dass der Sportunterricht von den Kürzungen am meisten betroffen ist, wo Bewegungsarmut und motorische Defizite in der digitalen Welt von Smartphones und Social Media eh schon zugenommen haben, kann nur Kopfschütteln auslösen.

Zurück zum eigentlichen Sport: Was waren die Höhepunkte im vergangenen Schuljahr?

Da gibt es eine ganze Reihe: Schulteams qualifizierten sich in verschiedenen Sportarten für das Landesfinale des Schulwettbewerbs ,Jugend trainiert für Olympia'. Neben den Judoka, Leichtathleten und Floorballern des Zschopauer Gymnasiums schafften es auch die Tischtennisspieler des Gymnasiums Marienberg und die Skilangläuferinnen des Gymnasiums Olbernhau auf die höchste sächsische Wettkampfebene. Interessant ist auch die Geschichte der Lengefelder Oberschüler, die sich ohne einen einzigen aktiven Leichtathleten den Sieg beim Regionalfinale sicherten. Weitere Erfolge gab es auch auf der Ebene der Regionalfinals. In denen waren Teams aus Olbernhau, Marienberg, Zschopau und Lengefeld auch im Volleyball, Fußball und Floorball mit Medaillen erfolgreich.

Hat sich das Niveau gegenüber den Vorjahren verändert?

Gemessen an der Zahl der Erfolge ist das Niveau besser geworden, aber so blauäugig sollte man nicht sein. Gerade in den Spielsportarten Fußball und Volleyball ist das spielerische Niveau auf Schulsportebene deutlich gesunken. Es ragen nur noch wenige Einzelkönner heraus. Im Handball und im Basketball ist das Wettkampfsystem an den weiterführenden Schulen sogar komplett zum Erliegen gekommen.

Gibt es andererseits auch positive Aspekte, die Sie loben können?

Nach wie vor ist unsere Region eine traditionelle Hochburg der Leichtathletik. Allein 19 Schulteams aus dem mittleren Erzgebirge mit über 200 Schülern nahmen am Erzgebirgsfinale in der Leichtathletik teil. Davon qualifizierten sich 13 Teams für das Regionalfinale. In dieser Sportart sind wir der Stolz des gesamten Erzgebirges.

Wie sieht's in den Grundschulen aus?

Für die Klassenstufen 1 bis 4 ist die Zahl der Wettkämpfe deutlich überschaubarer. Deshalb sollte es ein Bedürfnis sein, Kindern den sportlichen Vergleich mit Gleichaltrigen zu ermöglichen. Erfreulich war, dass nach Jahren der Stagnation bei Cross- und Leichtathletik-Wettbewerben erstmals wieder ein Teilnehmerzuwachs zu verzeichnen ist. Einige Grundschulen sind aber trotzdem nur sporadisch dabei.

Gibt es sonst noch Highlights für die jüngeren Schüler?

Großer Beliebtheit erfreuen sich nach wie vor die Zweifelderballwettbewerbe, bei denen es immer hoch hergeht. Die Goethe-Grundschule Olbernhau verpasste nur knapp den Erzgebirgsmeistertitel. Ebenso spannend geht es bei dem von der Unfallkasse unterstützten Wettbewerb ,Risiko raus' zu. Bei diesem Staffelwettbewerb in alter "Mach mit, mach's nach, mach's besser" Tradition werden Erinnerungen an längst vergangene Zeiten wiederbelebt. Erwähnenswert ist auch die Initiative des HSV Marienberg, der jedes Jahr für die umliegenden Grundschulen Minispielfeste im Handball organisiert.

Dabei wird ja der jungen Generation nachgesagt, dass sie immer unsportlicher wird...

Grundsätzlich gilt, es gibt nach wie vor in allen Altersbereichen sehr gute Sportler. Aber die breite Masse ist immer weniger bereit, die eigenen körperlichen Grenzen auszutesten und sich auch mal zu quälen. Hinzu kommen Wohlstandskrankheiten, die meistens im Übergewicht ihren Anfang nehmen und immer mehr beobachtet man massive Konzentrationsschwächen, wo es oft schon am einfachen Zuhören scheitert. Außerdem kommen eine Unmenge von Attesten hinzu, die gefühlt in Fließbandarbeit erstellt werden und vorsichtig ausgedrückt ,nicht immer medizinisch notwendig' erscheinen.

Ein generelles Problem. Wie gut funktioniert die Zusammenarbeit unter den Schulen?

Ohne die vielen engagierten Sportlehrer könnten wir unsere schulsportlichen Wettkämpfe gar nicht in der Form durchführen. Das ist alles andere als selbstverständlich. Beispielhaft möchte ich hier die Sportlehrer der Oberschule Olbernhau hervorheben, die faktisch im Alleingang mit Schülerkampfrichtern den Hallenleichtathletikwettbewerb der Grundschulen schon über viele Jahre organisieren. Ebenso freue ich mich, dass uns ehemalige Sportlehrer, die sich längst im Ruhestand befinden, die Treue halten und als Kampfrichter helfen.

Welche Ziele setzen Sie sich für das neue Schuljahr?

Ich wünsche mir trotz der immer schwieriger werdenden Rahmen bedingungen mit Migration, Inklusion, Seiteneinsteigern an den Schulen und den oben genannten Kürzungen im Sportbereich, dass unser bewährtes Wettkampfsystem für die vielen sportbegeisterten Schüler erhalten werden kann. Aber erst einmal sollen sich alle Schüler und Lehrer im Urlaub erholen.

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