Wenn eine Eintrittskarte nicht reicht

In Stuttgart sind morgen viele Erzgebirger zu erwarten, denn für ihren Fußball-Verein geht es beim VfB um wichtige Zweitliga-Punkte. Ein Fan aus Zschopau gerät dabei in eine Zwickmühle.

Zschopau.

Nach Angaben der Gastgeber ist die Partie der 2. Fußball-Bundesliga zwischen dem VfB Stuttgart und dem FC Erzgebirge Aue ausverkauft. Doch wer morgen in der Mercedes-Benz-Arena ganz genau hinschaut, der wird unter den rund 58.000 Zuschauern einen freien Platz ausmachen. Und zwar während der ersten Halbzeit im Auer Fanblock sowie nach dem Seitenwechsel auf VfB-Seite. Schuld daran ist Olaf Wirth. Weil das Fußball-Herz des Zschopauers sowohl für den FC Erzgebirge als auch für die Stuttgarter schlägt, will er keinem der beiden Vereine die Unterstützung versagen. "In der Halbzeit wechsle ich einfach die Seiten", verrät der 52-Jährige seinen Plan, für dessen Umsetzung er sich zwei Tickets besorgt hat.

"Wenn ich mir ein Ergebnis wünschen könnte, dann wäre es ein 4:4, das mit zwei Punkten für Aue und einem für Stuttgart gewertet wird", gibt sich Wirth seinen Träumen hin. Die Veilchen haben die Zähler nun mal einen Tick mehr nötig, geht es für sie doch ums nackte Überleben. Für den VfB wird dagegen auch ein Remis zur Rückkehr in die 1. Bundesliga reichen, da ist sich der Zschopauer sicher. Einzuschätzen vermag er die Lage durchaus. Schließlich verfolgt Wirth - wenn auch meistens aus der Ferne - jedes Spiel beider Teams und weiß auch über das sonstige Geschehen in den Vereinen gut bescheid. Wie zuvor schon beim FCE ließ es sich der Lehrer auch bei der letzten Mitgliederversammlung des VfB im Oktober nicht nehmen, den alten Vorstand zu entlasten und den neuen mit zu wählen. "Da ging es in Stuttgart genauso zu wie in Aue. Wie einige Verantwortliche beschimpft wurden, waren perfekte Beispiele für die Streitkultur, in der wir derzeit leben", gibt sich Wirth kritisch. Trotzdem ist er mit Leib und Seele Mitglied beider Klubs.

Viel weiter noch als seine Mitgliedschaft reicht freilich seine Leidenschaft zurück - im Auer Fall bis in die Kindheit. "Mit zehn Jahren habe ich mein erstes Spiel im damaligen Otto-Grotewohl-Stadion gesehen", blickt der Zschopauer zurück. Dass Holger Erler und Harald Mothes zu jener Zeit seine Idole waren, lässt sich noch heute genau nachvollziehen, denn in einer großen Kiste bewahrt Olaf Wirth all seine Errungenschaften auf. Von selbst geführten Spielstatistiken bis hin zu Trikots reicht die Sammlung. Letztere waren zu DDR-Zeiten nicht einfach zu bekommen, weshalb der Zschopauer kreativ wurde: "Im Sporthaus habe ich mir ein lila Hemd besorgt, auf das meine Mutter den aus einem Bettlaken geschnittenen typischen weißen Streifen nähte. Nach langem Betteln bekam ich in Aue auch ein Vereinswappen." Per Bügelstoff noch den Schriftzug auf den Rücken - und fertig war das erste Wismut-Trikot.

Auf noch außergewöhnlichere Weise gelangte Wirth zu seinem ersten Spieler-Jersey des VfB Stuttgart. "Als ich 1982 mit meinen Eltern am Balaton Urlaub gemacht habe, waren auch einige Leute aus der BRD dort", erinnert sich der Zschopauer, der sich damals noch keinem Klub aus dem Westen verschrieben hatte. Zufällig gehörten Anhänger des TSV 1860 München sowie des VfB Stuttgart zu den Touristen unter der ungarischen Sonne. Beide sprach Olaf Wirth an - den Bedenken seiner Eltern zum Trotz. Während er vom 1860-Fan nie wieder hörte, wurde Wirth drei Wochen nach dem Urlaub von einem Päckchen aus Plochingen überrascht. "Es schien zwar von Staatsseite geöffnet worden zu sein, aber die Fanartikel waren noch drin." Die Mitglieder des Plochinger VfB-Fanclubs hielten ihr Versprechen und schickten Aufnäher, Bilder und sogar ein Trikot. Damit gaben sie den ursprünglichen Anstoß, dass Olaf Wirth morgen mit zwei Tickets ins Stadion geht, denn seither ist er auch ein Stuttgarter Anhänger.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...