Ein Jahrzehnt Recherche: Die merkwürdigen Geheimdienst-Spuren zum NSU-Terror

Ein Jahrzehnt Recherche - und dennoch sind zum "Nationalsozialistischen Untergrund" längst nicht alle Fragen beantwortet.

Chemnitz.

Manchmal offenbaren sich Früchte der eigenen Arbeit erst viel später. Bei einer Spur im Terror-Netzwerk "Nationalsozialistischer Untergrund" war das erst nach fünfeinhalb Jahren der Fall. Konkret bei der V-Mann-Enttarnung des Neonazis Ralf Marschner, Ex-Betreiber einer Boutique und Dreh- und Angelpunkt der Szene in Zwickau. Ein V-Mann, den bis heute offene Fragen umgeben. Fragen zu terroristischem Mittun staatlich bezahlter Spitzel. Fragen auch zum Ausmaß des Wissens über das abgetauchte NSU-Trio, das es in Geheimdienstenkreisen gab. Dass es einer unserer Berichte war, der Marschners spätere Enttarnung als V-Mann des Bundesamtes für Verfassungsschutz erst anstieß, davon ahnte ich lange nichts.

Drei Monate nach Auffliegen des NSU im November 2011 befragte mich das Branchen-Magazin "Message" nach einem Gradmesser für Erfolg bei NSU-Recherchen. Anfang 2012 lag die Anzahl meiner NSU-Berichte bei einem Bruchteil ihrer inzwischen annähernd 400. Ich verwies auf einen Text, den ich mit unserem Dresden-Korrespondenten verfasst hatte. Neben Geheimdienst-Pannen erwähnte er Szene-Vertriebswege, in Zwickau Marschners Boutique. Dass Artikel einer Regionalzeitung von Internetplattformen bundesweit verlinkt oder übernommen werden, ist nicht an der Tagesordnung. Insofern wertete ich die unserem Artikel derart zuteil gewordene Beachtung als Erfolg. Vom Erfolg, der seinen Anfang in Ermittlerbüros des Bundeskriminalamts (BKA) in Zwickau nahm, wusste ich zur Zeit des "Message"-Interviews nicht. Ein Erfolg indes, den man auch nur als solchen einstufen wird, wenn man journalistische Arbeit als Suche nach der Wahrheit versteht.

Diese Suche nach Wahrheit hatte bei der NSU-Recherche auch peinliche Momente. Etwa als ich zu Verbindungen zwischen der in Heilbronn erschossenen Polizistin und dem NSU forschte. Immerhin stammte das Opfer Michèle Kiesewetter wie der NSU aus Thüringen. Immerhin hatte der damalige BKA-Chef - vorschnell - von "Beziehungstat" gesprochen. "Wollen Sie wirklich noch einen Eimer Mist über der Frau ausschütten", fragte mich der Sprecher der Bundesanwaltschaft allen Ernstes beim Recherche-Anruf. Wollte ich natürlich nicht! Aber dass Recherche-Fragen auf Wahrheitssuche - zunächst fernab jeder Veröffentlichung - per se verboten sein sollten, leuchtete mir nicht ein. Tut es bis heute nicht!

Mit entsprechender Vorsicht nahm ich aber natürlich den Termin wahr, den mir die Großeltern des Mordopfers 2012 auf ihrem Sofa gewährten. Der Großvater äußerte Skepsis gegenüber schnellen Antworten, die selbst NSU-Ermittler in der frühen Phase präsentierten. Jegliche Verbindung seiner Enkelin Michèle in rechte Kreise schloss er aus. Doch war Fritz W. der erste, der mir die Spur von Michèles Onkel Mike offenbarte. Sein Sohn Mike W. sei seit dem Tod der Nichte von Schuldgefühlen geplagt, sagte Fritz W. Über das Warum sprach er nicht. War es allein, dass des Onkels Job bei der Polizei die Nichte auf ihren Wunschberuf gebracht hatte, in dem sie dann den Tod fand? Oder hatte es damit zu tun, dass der Onkel in seiner Funktion beim Thüringer Staatsschutz oft mit eben jener rechten Szene in Konflikt geraten war, die das NSU-Trio Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe geprägt hatte? Inzwischen zwar vielfach beleuchtet, sind diese Stränge des Falls doch bis heute ungeklärt.

Nicht alle Recherchepartner waren mit Rücksicht zu befragen wie die Großeltern des Opfers. Bei Tino Brandt war hartnäckiges Stichwort-Streuen gefragt. Der Neonazi, der zur Zeit der Radikalisierung von Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe Anführer der Organisation "Thüringer Heimatschutz" gewesen war, bevor er als V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes aufflog, hatte Journalisten nichts zu sagen. Das zumindest hielt er mir 2012 über die Fensterbank seiner Parterrewohnung hinweg entgegen. Just zuvor hatte die Polizei seine Wohnung durchsucht. Mit Reportern rede er nicht, sagte er -um dann anderthalb Stunden durchs Fenster sehr wortreich nicht mit mir zu reden. Ein Charakterzug von V-Leuten?

Natürlich gab es Szene-Köpfe, die mich der Tür verwiesen, die am Telefon drucksten oder erst gar nicht auf Anrufe reagierten bis ... ja bis eigene Äußerung gegenüber der Presse plötzlich opportuner erschien, als weiter zu schweigen. Beim mutmaßlichen Waffenbeschaffer Jan W. aus Chemnitz war das so, als Beate Zschäpe ihn im Spätstadium des Münchner Prozesses belastet hatte.

Den Münchner Prozess selbst beobachtete ich über fünf Jahre als akkreditierter Journalist. Was Beweise zur Schuld der fünf Angeklagten, allen voran Beate Zschäpe, betrifft, funktionierte der Rechtsstaat am Oberlandesgericht München. Fand ich. Wie der Bundesgerichtshof das beurteilt, steht nach wie vor aus.

Was leider nicht funktionierte -weder im Prozess noch in 13 Untersuchungsausschüssen -war, alle dubiosen Geheimdienstspuren auszuleuchten: die des vom Tatort des Kasseler Mordes verschwundenen hessischen V-Mann-Führers Andreas Temme. Die der sterbenden Zeugen. Und die der Nähe des V-Manns Marschner zum abgetauchten Trio.

Mein eigener Ansporn für weiteres Forschen war meine Lektüre des 1864-Seiten-Berichts, den der zweite NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages 2017 vorlegte. Auf Seite 475 stutzte ich, als unser Bericht "Schlapphüte schweigen, Rassisten rocken" von 2012 erwähnt wurde. Er brachte das BKA dazu, Marschner auf den Zahn zu fühlen. Ergebnis: Der Mann, den man später als Kontaktperson des Trios nachwies, war als V-Mann Primus geführt worden.

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