1998: Gondeldrama im Skiparadies von Cavalese

20 Menschen kamen beim Absturz einer Seilbahn im norditalienischen Cavalese ums Leben. Ein US-Militärjet hatte die Seile der Bahn gekappt. Die Gondel stürzte 111 Meter in die Tiefe. Keiner der Insassen, darunter sieben Urlauber aus Burgstädt und Hartmannsdorf, überlebte.

3. Februar 1998: Für vier Familien aus dem Raum Burgstädt ist am Ende des Tages nichts mehr so gewesen, wie es einmal war. Denn an jenem Dienstag kamen ihre Angehörigen beim Seilbahnunglück im italienischen Cavalese ums Leben. Sechs Burgstädter und ein Hartmannsdorfer starben, weil ein US-Militärjet im Tiefflug Zug- und Tragseil der Cermis-Seilbahn in den Dolomiten durchtrennt hatte. Die Gondel stürzte 111Meter in die Tiefe. Die 20 Insassen waren sofort tot. Unglückspilot Richard Ashby indes landete mit seinem kaum lädierten Jet auf dem Nato-Stützpunkt Aviano.

Schon am Tag nach dem Absturz war die Stadt Burgstädt von Reportern und Kamerateams belagert. Ihr damaliger Bürgermeister Lothar Naumann gab um die 100 Interviews. Noch heute sagt der Mohsdorfer Bernd Heilmann, der mit in Cavalese gewesen war und nur durch Zufall nicht mit in der Unglücks-Gondel gesessen hatte: "Der Medienrummel war das Schlimmste." In einem Gedenkgottesdienst in der Burgstädter Stadtkirche nahmen am 11. Februar 1998 mehr als 1000Trauergäste Abschied von den Opfern der Seilbahn-Tragödie.

Langsam sickerten die Umstände des Unglücks durch. Als Mutprobe waren US-Piloten schon mehrfach unter der Seilbahn hindurchgeflogen. Im März 1999 wurde Pilot Ashby von einem Militärgericht auf dem US-Stützpunkt Camp Lejeune in North Carolina vom Vorwurf der 20-fachen fahrlässigen Tötung freigesprochen. Der Hauptmann war beschuldigt worden, er sei zu tief und viel zu schnell durch das Dolomiten-Tal geflogen. Der Pilot entgegnete, die Seilbahn sei nicht auf seinen Karten eingezeichnet gewesen. Mehrere Angehörige der Opfer nahmen am Prozess teil und reagierten entsetzt auf das Urteil. Im einem zweiten Verfahren befand ein Militärgericht Ashby der Justizbehinderung für schuldig. Der damals 32-Jährige hatte ein Privat-Video vom Unglücksflug beiseite geschafft. Er erhielt eine sechsmonatige Haftstrafe, kam aber wegen guter Führung vorzeitig frei. Ashby wurde unehrenhaft aus der Armee entlassen.

Im März 1998 beschloss Italiens Regierung, dass die Angehörigen eine Entschädigung von 100.000 D-Mark je Opfer erhalten. Zugleich lief in Burgstädt eine Spendensammlung für die Hinterbliebenen. Zudem gab es ein Benefiz-Fußballspiel mit der DFB-Traditionself.

Bürgermeister Naumann begleitete die Angehörigen nach Washington und forderte US-Regierung und Kongress auf, den trauernden Familien genauso zu helfen wie der Gemeinde Cavalese. Der Ferienort hatte zuvor eine Entschädigung in Millionenhöhe erhalten. Übrigens unterstützte der damalige Senator und heutige US-Präsident Joe Biden, der selbst bei einem Unfall seine erste Frau und seine Tochter verloren hatte, die Angehörigen. Am 17. November 1999 beschloss der italienische Verteidigungsausschuss, dass die Angehörigen mit insgesamt 38 Millionen Euro entschädigt werden sollen. Im Frühjahr 2000 stimmen die Familien einem Vergleich zu. Drei Viertel der Summe trugen die USA. Den Rest übernahm Italien.

Die Stimmung in Burgstädt schlug um, als die hohen Entschädigungssummen bekannt wurden. Jörg Krummel, der Anwalt der Angehörigen, sprach in einem Interview 2008 davon, dass es Anfeindungen gegeben habe. Die meisten Hinterbliebenen sind weggezogen. (hh)

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