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Hilfe-Schreie und Rauchwolken aus dem Fahrgastschiff: Welches Szenario Retter an der Talsperre Pöhl üben

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Sanitäter und Feuerwehrleute mit Atemmasken sind an der Dampferanlegestelle zugange. Scheinbar verletzte Menschen schreien um Hilfe. Für Neugierige gibt’s was zu sehen. Doch genau dies ist oft das Problem.

Pöhl.

Blauer Himmel, ein laues Lüftchen, Sonnenschein. Vögel zwitschern. Nur wenige Menschen sind unterwegs an diesem frühen Sonntagvormittag an der Talsperre Pöhl. Da zerfetzt ein Knall die Idylle. Eine Frau ruft um Hilfe. Rauchwolken dringen aus dem Fahrgastschiff „Pöhl“.

Während sich Spaziergänger, Jogger und Radfahrer noch zu orientieren versuchen, ertönt bereits ein erstes Martinshorn. Doch keine Sorge, was zunächst wie eine reale Katastrophe anmutet, entpuppt sich als Übung, als Szenario einer Großschadenslage. So nennen Retter ein Ereignis, das eine Vielzahl an verletzten und erkrankten Personen sowie erhebliche Sach- oder Umweltschäden zur Folge hat. Der Rettungsdienst Falck hat das Praxistraining in Zusammenarbeit mit den Freiwilligen Feuerwehren aus Jocketa und Plauen-Mitte veranstaltet.

Wie Chef-Organisator René Breu sagte, seien neben Sanitätern sächsischer Falck-Standorte auch rund 20 „Schauspieler“ involviert, darunter auch seine Eltern und die beiden Kinder (8 und 10 Jahre alt). Alle imitierten glaubwürdig teils Schwerverletzte, weshalb es den Rettern nicht leicht fiel, den Überblick zu behalten. „Das ist Stress pur für die Kollegen“, so Breu.

Im Alltag der Sanitäter gibt es freilich immer wieder solche oder ähnliche Situationen, die den Adrenalinspiegel steigen lassen.

Absperrbänder halten Neugierige nicht zurück

Die Retter müssen sich zum Beispiel oft über Neugierige ärgern. Während des Skill-Trainings an der Talsperre Pöhl stiegen die auch einfach über die rot-weißen Absperrbänder. Schlimmstenfalls behindern solche unvernünftigen Gaffer die Arbeit der Einsatzkräfte. „Eigentlich soll das Flatterband ja signalisieren, dass der Durchgang verboten ist“, sagt Rettungswache-Chef Daniel Altruf den Kopf schüttelnd. Doch es gibt nichts, was er und sein Team im realen Einsatz noch nicht erlebt haben.

Auch dass Verletzte unangemessen reagieren, sei normal. Apathisch oder hysterisch. Rettungssanitäterin Jessi Berthel schlüpfte während der Übung denn auch in die Rolle einer psychisch auffälligen Geschädigten. Sie verletzt sich, hat Schmerzen und lässt sich einfach nicht beruhigen. Gemeinsam mit Franz Schönecker (28) spielte die 21-Jährige ein Pärchen, das auf der Wiese neben der Dampferanlegestelle grillen will. Doch es gibt eine Verpuffung. „Ich stelle jemanden dar, der vermutlich zu viel Kohlenmonoxid eingeatmet hat und ohnmächtig zusammenbricht“, erklärt Franz Schönecker seine Aufgabe.

Wie seine Kollegen bildet er sich regelmäßig fort. Mindestens 20 Stunden Weiterbildung sind bei Falck jährlich vorgesehen. Nach oben ist jedoch keine Grenze gesetzt. „In diesem Jahr habe ich zum Beispiel schon 50 Stunden“, so Jessi Berthel. Die Rolle scheine ihr auf den Leib geschrieben, witzeln die Kameraden. Später hat sie noch einen Einsatz als eines von mehreren Unfallopfern im Wald. Es ist unwegsames Gelände. Trotzdem gibt es wieder Schaulustige.

Sanitäter sind auch privat immer „im Dienst“

Auch privat sind die Falck-Mitarbeiter stets „im Dienst“, das stecke in ihrer DNA. „Wenn ich zivil mit dem Auto unterwegs bin, dann habe ich immer einen kleinen Notfall-Rucksack dabei“, berichtet Franz Schönecker. Es ist seine intuitive Vorbereitung, falls er nach einem Verkehrsunfall Erste Hilfe leisten muss. Hat er im Alltag tatsächlich schon eingreifen müssen? Seinen Nachbarn habe er bereits einmal reanimiert, erzählt der Plauener auf Nachfrage von „Freie Presse“. Er und alle Beteiligten sind sich einig darüber: Solche Übungen sind enorm wichtig.

Aber was geschieht erst, wenn Feuer und Panik auf dem Wasser ausbrechen? Eventuell plane man für nächstes Jahr einen Probeeinsatz gemeinsam mit der Wasserwacht der Talsperre Pöhl, so Rettungswache-Chef Altruf.

Mit dem Ergebnis der groß angelegten Übung seien er und Organisator Breu insgesamt zufrieden. Es sei viel von dem Wissen umgesetzt worden, was die Retter bereits am Samstag bei einer Schulung in der Jugendherberge Alte Feuerwache in Plauen aufgefrischt hatten.

Und nach der Übung? Da machte der zweite Dampfer pünktlich um 12.30 Uhr die Leinen los. (sasch)

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