Wo unten Kühe leben und oben Schwalben

Nicht nur dem Kuhwohl dienen moderne Ställe. Auch Vögel wissen den Komfort in den großen, hellen Bauten zu schätzen.

Rotschau/Waldkirchen.

In den modernen Offenställen für Milchkühe fühlen sich nicht nur die Rinder wohl, sondern auch die Schwalben. Ungehindert können sie während der ganzen Saison ihre Nester anfliegen, reparieren, auspolstern, Eier legen, brüten und füttern.

Lars Bittermann, Geschäftsführer der Agrargenossenschaft Reichenbach, bemerkte dieses Jahr das erste Mal die gefiederten Bewohner im Rotschauer Stall. Die neuen Offenställe entstanden 2011. Es dauerte also acht Jahre, bevor Schwalben die Milchviehanlage als Brutplatz entdeckten. "Wir hatten hier noch nie Schwalben. Dieses Jahr ist das mit einem Schlag eine richtig große Kolonie. Wie viele Nester es sind, weiß ich nicht, aber gefühlt sehr viele, sowohl außen als auch innen im Stall", berichtet der Geschäftsführer. Immer, wenn er ins Büro gehen will, findet er heruntergefallenes Nistmaterial auf der Treppe.


Oft sind es die Hinterlassenschaften der Tiere, über die sich Menschen ärgern: Während des Nestbaus sind es Halme und Stängel, nach dem Schlupf funktionieren die jungen Vögel den Bereich unter ihrem Nest in eine Schwalbentoilette um, denn die kleinen Schwälbchen halten ihre Wohnung sauber und drehen ihren Allerwertesten für den Toilettengang einfach über den Nestrand. Vielen Landwirten kommen die gefiederten Fliegenjäger aber auch sehr gelegen, dezimieren sie doch den Insektenbestand im Stall merklich.

Während Lars Bittermann wie aus dem Nichts eine große Anzahl Schwalben als Untermieter im Haus hatte, stellt Jörg Mothes in der Marienhöher Milchproduktion in Waldkirchen einen Rückgang der Population fest. "Vor ein paar Jahren hatten wir hier 120 Schwalbennester, sowohl Rauch-, als auch Mehlschwalben. Die Reichenbacher Ornithologen haben hier sogar einmal eine Zählung durchgeführt und alle Nester in ein Datenblatt eingezeichnet. Bei zwei Bruten im Jahr mit jeweils vier bis fünf Jungen waren das rund 1000 Schwalben, die hier in einem Jahr groß geworden sind", rechnet er vor. Und jetzt? "Ich habe zwar nicht gezählt, aber vom Gefühl her sind es nur noch halb so viele Schwalben, wie damals." Eine Erklärung für den Rückgang hat Mothes genauso wenig, wie sich Lars Bittermann erklären kann, woher auf einmal die vielen Schwalben kommen.

"An der Rinderzahl kann es nicht liegen. Unser Kuhbestand hat sich nicht gravierend verändert. Also gibt es noch genug Fliegen", meint Mothes. Eins hat Mothes auch beobachtet: "Die Schwalben kamen dieses Jahr sehr spät aus dem Winterquartier zurück. Ich dachte schon, es kommen gar keine. Entsprechend spät ist die erste Brut erst jetzt flügge. In anderen Jahren waren die ersten kleinen Schwalben schon um den 10. Juni herum unterwegs."

Den plötzlichen Zuzug in Rotschau kann sich Ornithologe Eberhard Fröhlich aus Netzschkau nur so erklären: "Woanders sind Nistmöglichkeiten verschwunden. In Christgrün zum Beispiel sind durch Bauarbeiten die Nistplätze weggefallen." Von insgesamt wachsenden Schwalbenpopulationen könne aus Fröhlichs Sicht aber nicht die Rede sein.

Das sieht auch Michael Thoß so, der Leiter der Fachgruppe Ornithologie und Vogelschutz Auerbach. "Viele kleine Tierhaltungen werden aufgegeben. Die Schwalben finden keine Nahrung mehr und suchen sich etwas anderes. Die Offenställe sind sehr schwalbenfreundlich." Das konnte Thoß auch in der Agrargenossenschaft Eichigt beobachten. Wegen Umbauarbeiten mussten die alten Nester entfernt werden. Die von den Ornithologen angebrachten Kunstnester gefielen den Schwalben nicht sonderlich, das Gelände hingegen schon. "Die Schwalben haben sich neue Naturnester an neuen Standorten gebaut. In die Kunstnester haben sich zwar auch ein paar Mehlschwalben eingenistet, aber auch Sperlinge und Bachstelzen", so die Beobachtung von Michael Thoß.

Um eine Schwalbenpopulation am Standort zu halten, sei es wichtig, dass die Vögel durchgehend brüten können. "Fällt wegen Baumaßnahmen eine Saison aus, sind sie meist für mehrere Jahre weg. Eine neue Population baut sich nur sehr langsam auf", so seine Erfahrung.

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