Kleine Auftragsweberei arbeitet heute für die großen Airlines

Vor 163 Jahren entschloss sich ein Zugereister, mit sechs Handwebstühlen eine Weberei in Lichtenstein zu eröffnen. Es war der Beginn einer wirtschaftlichen Odyssee. Heute webt die Firma für hochkarätige Auftraggeber.

St. Egidien.

An eine Flugreise erinnert sich Uwe Kreißig, Geschäftsführer der Firma F. A. Kreißig & Sohn, besonders gern. Seine Mitarbeiter kennen die Geschichte, wie er in einer Maschine der Fluggesellschaft Emirates Platz nahm. Den Bezugsstoff der Sitze erkannte er auf Anhieb. "Den haben wir bei uns in der Firma gewebt", sagt Kreißig.

Ein bisschen Stolz schwingt in seiner Stimme mit. Zu Recht. Mit seiner Auftragsweberei füllt Kreißig Nischen. "Wir können kleine Posten in kürzester Zeit produzieren", erklärt er. Seine Stoffe werden nicht nur zu Bezügen von Flugzeugsitzen, auch die Zulieferer der Autoindustrie ordern die Erzeugnisse. "Sie können unseren Stoffen auch in strapazierfähiger Tischwäsche, als Afrika-Damast oder als Dirndl beim Münchener Oktoberfest begegnen", sagt Kreißig. Das alles wird heute von 45Mitarbeitern im 3000 Quadratmeter großen Betrieb an der Platanenstraße im Gewerbegebiet am Auersberg, das heute zu St. Egidien gehört, hergestellt. "Hätte ich damals gewusst, wie sich der Markt entwickelt, hätten wir größer gebaut. Inzwischen brauchen wir schon ein Außenlager", sagt der Webereichef, der erst seit 2001 am Standort produziert.


Das Auf und Ab in der Branche ist für ihn nichts Neues. Kreißig, der eigentlich Zerspanungsfacharbeiter gelernt hat, kennt die Geschichte seiner Vorfahren bestens. Die Chronik der Mechanischen Weberei F.A. Kreißig & Sohn steht auf der Internetseite der Firma. Sie berichtet auf rund 60 Seiten vom abenteuerlichen Wandel des Unternehmens, das 1856 von Friedrich August Kreißig als Handweberei gegründet wurde, zwei Kriege überlebte sowie die Verstaatlichung und Mangelwirtschaft der DDR-Zeit überstand. Alles begann mit sechs Handwebstühlen, mit denen der junge Webmeister Friedrich August Kreißig seine eigene Werkstätte in der heutigen Lößnitzer Straße 20 in Lichtenstein eröffnete. 1870 kaufte der Gründer von Ferdinand Schmidt die Damast- und Piquet-Weberei und lieferte an den Hohenstein-Ernstthaler Fabrikanten Beck, der aber die Geschäftsbeziehung wieder aufgab. Ein Rückschlag. Der Erfolg stellte sich erst ein, als Kreißig mit seinen Stoffen auf die Leipziger Messe ging. Doch der Erste Weltkrieg bremste jäh die Firmenentwicklung. Plötzlich hatte auch der Handwebstuhl als Massenproduktionsmittel ausgedient.

Leonhard Kreißig, der Enkel des Gründers, führte nun das Unternehmen. Im Garten des alten Grundstücks wurde ein Gebäude für 20mechanische Webstühle errichtet. In dieser Zeit stiegen auch die beiden anderen Enkel Felix und Edmund in die Firma ein. Man setzte auf Produktvielfalt, um die Firma krisensicher zu machen. In den 30er-Jahren brachte allein der Export von Möbelbezugsstoffen 25Prozent des Umsatzes. Mehr als 100 Menschen verdienten in der Firma ihre Brötchen. Doch der Zweite Weltkrieg sorgte dafür, dass an den Webstühlen die Männer fehlten. Einziges Glück: Während anderswo alles zerbombt wurde, blieb die Produktionsstätte verschont. Vor der Enteignung konnte sich die Firma zunächst mit Mühe retten. Doch die neuen Machthaber ließen es Anfang der 50er-Jahre an Schikanen nicht fehlen, drängten die Inhaber aus den Führungspositionen und machten sie für mangelhafte Planerfüllung verantwortlich. Der 1939 geborene Erhard Kreißig, Vater des heutigen Inhabers Uwe Kreißig, sah sich angesichts der Schikanen nach einem eigenen Produktionsstandort in Lichtenstein um und stieß dabei auf die kleine Weberei Paul Müller. Erhard Kreißig erwarb 1971 den Betrieb an der Hospitalgasse und stockte die Produktionsstätte von vier auf acht Webstühle auf. 1988 stieg Uwe Kreißig im Unternehmen ein, doch mit der Wende waren die Abnehmer plötzlich weg. Das Schicksal des Urgroßvaters schien sich zu wiederholen. Vater und Sohn hielten durch, wagten einen Neuanfang, kauften sechs gebrauchte Jacquard-Webmaschinen und mieteten zusätzlich Räume in der ehemaligen Weberei Berger an. Als der neue Eigentümer den Vertrag kündigte, verlagerten Kreißigs diese Produktion in die Weberei Robert Müller an der Kreuzleithe. Und sie gründeten 1999 die neue Firma F. A. Kreißig & Sohn. Die fünfte Generation kehrte langsam in die Erfolgsspur zurück. Die Räume an der Hospitalgasse, die parallel liefen, reichten nun nicht mehr. Kreißigs bauten im Gewerbegebiet neu. Dort arbeiten sie nun schon seit 2001.

Uwe Kreißig scheut sich auch nicht vor Experimenten. "Wir haben in Zusammenarbeit mit einem Lieferanten aus Berlin auch schon Alpaka-Wolle verwebt. Aber das traut sich kaum einer zu. Außerdem gibt es zu wenig von dieser Wolle. Es funktioniert auf jeden Fall. Aber es wird nicht unser Kerngeschäft."

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