Die Puppenmacherin

Päpste hatte sie unter ihren Händen, Kanzler - und Diktatoren. Am Wochenende stellt Brigitte Schneider aus Lichtenstein ihre Werke vor.

Lichtenstein.

Wenn Brigitte Schneider in ihrem Atelier arbeitet, schauen ihr Dutzende Augenpaare über die Schulter. Lebendig ist nur eins davon. Das gehört Crazy, der Papageiendame, die in der Voliere in der Ecke sitzt und ab und zu frech lacht, wenn Frauchen lacht. Ansonsten ist Brigitte Schneider allein - und auch wieder nicht. In einer Vitrine sitzt Pippi Langstrumpf neben Andy Warhol und James Dean, auf der Arbeitsplatte sind die Köpfe der vier Rolling Stones gespießt. Am Wochenende stellt die Künstlerin ihre Schützlinge vor: bei den Tagen des Europäischen Kunsthandwerks.

Dass sie mal Figuren formt, hätte die Lichtensteinerin nicht gedacht, als sie zu DDR-Zeiten ihre Ausbildung zur Textilzeichnerin begann. Es war ein langer Weg hier her.

Sascha Aurich

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Auch für die Stones. Sex und Drugs haben sich als Falten in Mick Jaggers Wangen gegraben, doch er lacht sein riesiges Lachen. Bei Gitarrist Keith Richards sitzt der Lidstrich, sitzt das Kopftuch, die graue Mähne wallt. 20, vielleicht 30 Stunden arbeitet Brigitte Schneider an einer Büste. So genau kann sie es nicht sagen. "Manchmal muss man auch mal aufstehen, weggehen", sagt die 52-Jährige. Manchmal geht sie dann vor die Tür, in ihren Garten. Denn das Atelier ist ein Holzhäuschen, im Garten ihres Hauses am Rand von Lichtenstein.

Vor 15 Jahren hat Brigitte Steiner angefangen, Puppen zu machen. Damals war sie Ende 30, und hatte schwere Jahre hinter sich. Textilzeichnerin hatte sie gelernt, im VEB Möbelstoff und Plüschwaren, dann ein Design-Studium draufgesetzt. Nach der Wende starb der Betrieb, mit ihm die Karrieren. Schneider war arbeitslos, arbeitete in Werbebüros, im Lichtensteiner Jugendkeller, bekam ihre drei Kinder. Und fing an, Kasperle-Figuren zu basteln und zu verschenken. Bis ... "Bis jemand zu mir sagte, Mensch du, der Kasper sieht einem Bekannten ähnlich."

Seitdem fertigt sie Büsten, Handpuppen, Marionetten nach Porträts. Darunter viele prominente Gesichter wie die der Stones, bestellt von Sammlern oder Fans. Am Fenster neben den Alt-Rockern stehen die Prügel-Buddys Bud Spencer und Terence Hill. Es gibt sie noch mal: Den Mini-Hill hat sein Fanclub dem Schauspieler zum 80. Geburtstag geschenkt.

Päpste und Kanzler hatte Brigitte Schneider unter ihren Händen, den Olbernhauer Bürgermeister, Lichtensteiner Goldhochzeitspaare, Wladimir Putin - und Adolf Hitler. Der ging ans Rabenhof-Theater in Wien. Dort machen drei Puppenspieler politisches Kabarett, mit Handpuppen von Brigitte Schneider. Für Privatleute, stellt die Künstlerin klar, würde sie niemals Diktator-Puppen anfertigen. "Was weiß ich, in welchem Kontext die verwendet werden", sagt sie.

Formen, modellieren. Anmalen, Kostüme schneidern. Perücke färben, Haare schneiden. 20, vielleicht 30 Stunden lang, ein langer Weg. 400 Euro kostet eine Büste, eine Handpuppe bis zu 1000. Brigitte Schneider sitzt in der Sonne vor ihrem Atelier, lächelt leise. Leben könnte sie davon nicht. Für die meisten seien es eben schöne Puppen. "Die Arbeit, die darin steckt, sieht kaum einer." Wie viele Figurenmacher es gibt, lässt sich nicht beantworten. In der Handwerksrolle ist der Beruf nicht eingetragen. Brigitte Schneider jedenfalls kennt sonst keinen, der auf Porträt-Figuren spezialisiert ist, so wie sie. Auch deshalb öffnet sie am Wochenende ihr Atelier für alle, die ihr über die Schulter schauen wollen. "Dann ist hier vielleicht ein bisschen Trubel", sagt Schneider zu Crazy, der Papageiendame, die gerade laut gelacht hat. "Sie freut sich, wenn sie was zu gucken hat." Und die Künstlerin freut sich auch.

Die Tage des Kunsthandwerks: Puppenmacherin Brigitte Schneider öffnet ihr Atelier, Hohe Straße 1 in Lichtenstein am Samstag 10-18 Uhr, Sonntag 11-17 Uhr. Die Töpferei Beyer in Hohenstein-Ernstthal, Hüttengrundsiedlung 2, öffnet Freitag bis Sonntag, 10-20 Uhr. Im Callenberger Ortsteil Meinsdorf, Dorfstraße 22 präsentieren Irmi und Stephan Taubert Freitag bis Sonntag, 10-17 Uhr Keramik.

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