Hinter Karl Mays Ansichtskarte verbirgt sich nur ein Werbegag

Was ist dran an der Legende von der schönen Indianerin, die sich mit dem Kanu in die Niagarafälle stürzt? Die Nummer 35 der Karl-May-Haus- Information räumt zudem mit Vorurteilen auf.

Hohenstein-Ernstthal.

Die Postkarte hat Romancier Karl May 1908 persönlich abgeschickt. Damals befand er sich auf seiner Amerikareise. Das historische Stück ziert die Titelseite der Nummer 35 der Schriftenreihe "Karl-May-Haus Information", die Ende März erschienen ist. Das Motiv basiert vorgeblich auf einer alten indianischen Legende. Die besagt, dass immer das schönste Mädchen des Indianerdorfes geopfert werden sollte - mit einem Sturz über die Klippen der Niagarafälle.

In der Broschüre Nummer 35, die ausgerechnet im 35. Jahr des Bestehens des Karl-May-Museums erschienen ist, wird die Legende als touristischer Werbegag enttarnt. Ein amerikanisches Schifffahrtsunternehmens lockte damit seit 1846 Touristen an die Niagarafälle. Die Offerte gilt somit als eines der ältesten Touristikangebote der Welt. Auch davon ist in dem 80 Seiten umfassenden abwechslungsreichen Heft zu lesen.

In mehreren Themengruppen gibt es Beiträge. Eines widmet sich zum Beispiel den "wilden Jugendjahren" Karl Mays. Darin wird Mays erste große Liebe, Anna Preßler aus Ernstthal, vorgestellt. Geradezu rigoros wird mit jahrzehntealten Vorurteilen zu einer Fluchthelferin Karl Mays aufgeräumt. Besagte Malwine Wadenbach lebte in der Nähe von Halle. Außerdem wird die im letzten Heft begonnene Reihe "Die Correspondenzen des Dr. May" fortgesetzt. Als Karl May ein viel gelesener Schriftsteller geworden war, wurde er von Lesern oft um Rat in schwierigen Lebenslagen gebeten. Besonders beeindruckend sind diesmal der Brief einer Tiroler Lehrerin aus der Einsamkeit ihrer Berge und die Fragen eines jungen Mannes, der befürchtet, in den Krieg ziehen zu müssen. In diese Zeiten des Ruhms fallen jedoch auch die Jahre der Prozesse und Pressefehden. Mays Freund und Kollege Max Dittrich hatte ebenso wie dieser unter den öffentlichen Anfeindungen des fragwürdigen Journalisten Rudolf Lebius zu leiden. Ein anderer Redakteur, der Anarchist Karl Schneidt, formulierte dagegen überraschend ein Plädoyer für Karl May.

Schließlich befasst sich ein umfangreicher Bericht mit dem "Nachruhm" des Schriftstellers. Eine komplizierte Angelegenheit ist oft, eine berühmte Person mit einem Straßennamen zu würdigen. Das weiß jeder, der einmal versucht hat, eine solche Umbenennung in die Wege zu leiten. Die Dokumentation zur Radebeuler Karl-May-Straße erzählt anschaulich ein Stück DDR-Geschichte unter den vorherrschenden Bedingungen. Auch Bühnenaufführungen gehören oft zum Nachleben eines Schriftstellers. Die kurze Geschichte der Karl-May-Bühne am Stausee Oberwald ist vielen Einwohnern der Geburtsstadt noch in Erinnerung. Bühnenskizzen lassen erahnen, welche großzügige Gestaltung geplant war.

Für die Errichtung des Erweiterungsbaus wurde das Karl-May-Haus vor wenigen Wochen geschlossen. Kurz danach feierte das Haus seinen 35. Jahrestag. Am 12. März 1985 war im Geburtshaus des Ernstthaler Schriftstellers mit einer Ausstellung über Leben und Werk des Autors so wie dem nachgestalteten Wohn- und Arbeitsraum der Familie May ein Literaturmuseum eröffnet worden. Das aktuelle Heft bietet nun auf jeden Fall genug Lesestoff, sich in der Coronakrise mögliche freie Zeit zu vertreiben.

Bestellungen für die Broschüre nimmt das Karl-May-Haus unter Ruf 03723 42159 oder per E-Mail unter der Adresse karl-may-haus@hohenstein-ernstthal.de entgegen. Auch die Stadtinformation verkauft das Heft.

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