Meisterliche Kunst im Lack alter DDR-Wohnzimmerschränke

Die Gersdorfer Villa der Albrecht-Mugler-Stiftung beherbergt seit gestern eine Ausstellung mit Werken von Siegfried Otto Hüttengrund. Einer seiner Lehrer hätte an manchen Arbeiten keine rechte Freude.

Gersdorf.

Siegfried Otto Hüttengrund steht vor der "Schneeschmelze im Osterzgebirge" aus dem Jahr 1983. Eine seiner Früharbeiten nach dem 1979 abgeschlossenen Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Aber schon in einer von ihm später perfektionierten, völlig eigenen grafischen Technik, dem Farbholzriss. "Da ist die Holzstruktur richtig zu erkennen. Dafür hat mich Tetzner noch gelobt", sagt der Hohenstein-Ernstthaler.

Er zählt den Gersdorfer Maler und Grafiker Heinz Tetzner (1920 - 2007) zu seinen Lehrern. Mit Hüttengrunds Rissen, sozusagen Radierungen in Holz, hat er nicht viel anfangen können. Für ihn sei es "weder Fisch noch Fleisch" gewesen, erinnert sich Hüttengrund. Das hat ihn jedoch nicht davon abgehalten, sich der aufwendigen Technik des Holzrisses - eine heute nur noch künstlerischen Zwecken dienende Methode des Hochdruckverfahrens - zu widmen. "Ich wollte Bilder differenzierter herausarbeiten", sagt er. Tatsächlich macht das Verwenden von sogenannten Radiernadeln - abgeleitet vom lateinischen "radere" (kratzen, reißen) das Ritzen filigranster Linien und Nuancen möglich. Das nutzt Hüttengrund, um die Feinheit in den Zügen der mythologischen Figuren zu erreichen, die er zunehmend ins Zentrum seiner Bilder rückt, ihnen oft überspitzte, menschliche Züge verleiht. Das ist besonders gut an seiner neuesten Arbeit zu beobachten. Die befasst sich mit einer der berührensten Figuren der griechischen Mythologie, dem Ödipus. Zu sehen ist dieser als abwehrender Krieger mit gekreuzten Armen vor einer Felslandschaft im Dämmerlicht. In seinen Händen hält er zwei Dolche in Richtung Gesicht, kurz davor, sich die Augen auszustechen. Hüttengrund hält Ödipus' letzten Augenblick fest, der voll Angst, Hass und Verzweiflung ist: Für diesen Mann gibt es keinen Ausweg, keine Hoffnung. "Nicht gerade ein Bild, dass man sich angesichts der Härte der Aussage übers Sofa hängen würde", sagt Ines Rudolph, Kunsthistorikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Mugler-Stiftung. Und doch fordere es geradezu auf, genau hinzusehen. "Ödipus ist ein tragisches Opfer verheerender Missverständnisse. Unsere Welt ist voll davon", so der Künstler.


Alles andere als ein Missverständnis ist Hüttengrunds Holzriss-Technik. Die hat er auf das Feinste ausgetüftelt: Er kratzt in den Lack von Brettern einstiger DDR-Wohnzimmer-Schrankwände. Diese Schicht ist unheimlich hart. "Darauf lässt sich sehr fein arbeiten, die Ränder der Linien werden ganz glatt, brechen nicht aus. Kurioserweise habe er anfangs versucht, diese Schicht zu entfernen, um ans Holz zu kommen. "Bis ich gemerkt habe, dass sich die Kunstharzoberfläche viel besser eignet." Mit der Radiernadel ritzt er in die Platten oder Furniere. Stehen bleibt, was gedruckt wird. Drei bis sechs Wochen arbeitet er an einer Platte. Für kolorierte Motive sind teils mehrere nötig. "Das hält man nur durch, wenn man sicher ist, dass es etwas Gutes wird", so Hüttengrund. Zwei Druckplatten sind in der Ausstellung auch zu sehen.

Die Ausstellung in der Villa in Gersdorf, Stollberger Straße 13, kann bis Ende Oktober nach Anmeldung besichtigt werden. Gleiches gilt für den Besuch eines Workshops mit Siegfried Otto Hüttengrund zu den Grundlagen des Holzrisses am 9./10. September mit der Möglichkeit, Drucke selbst herzustellen. E-Mail ines.rudolph@mugler.de

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