Stasi machte auch vor Karl-May-Szene nicht halt

Ein Magazinbeitrag widmet sich den Verstrickungen der DDR-Zeit. Die Forschung dazu geht weiter.

Hohenstein-Ernstthal.

Zwielichtige Gestalten gibt es in den Büchern von Karl May reichlich. Auch der Abenteuerschriftsteller (1842-1912), der als bekanntester Sohn der Stadt Hohenstein-Ernstthal gilt, war aufgrund einiger kleinkrimineller Aktivitäten zumindest zeitweise alles andere als ein ehrlicher Bürger. Doch auch 100 Jahre nach Mays Fehltritten gab es in seinem Dunstkreis offenbar zweifelhafte Aktivitäten. Das belegen neue Erkenntnisse über das Wirken der Staatssicherheit der DDR in der May-Szene. "Dass da Stasileute aktiv waren, war bisher schon bekannt. Aber jetzt wird klar, dass sie sich sogar gegenseitig in die Pfanne gehauen haben", sagt André Neubert, Leiter des Karl-May-Hauses.

Neuberts Vorgänger Ekkehard Fröde musste 1992 seinen Stuhl räumen. Im Rahmen der damals obligatorischen Überprüfung der Mitarbeiter im Öffentlichen Dienst wurde seine IM-Tätigkeit festgestellt, nachdem er zuvor eidesstattlich das Gegenteil versicherte hatte. Doch im Wissenschaftlichen Beirat war noch ein anderer Spitzel, wie ein aktueller Beitrag in der neuen Ausgabe des Magazins "Karl May & Co" thematisiert.


Der 1933 in Oberfrohna geborene und im Jahr 2011 verstorbene May-Forscher und Universitätsprofessor Klaus Ludwig hat demnach ebenfalls für die Staatssicherheit gespitzelt, obwohl auch er eidesstattlich versichert hatte, nie für das Ministerium für Staatssicherheit gearbeitet zu haben.

Autor des umfangreichen Fachbeitrages ist Nicolas Finke, der intensiv in den Archiven geforscht hat und auch Auszüge aus den Spitzelberichten einfließen ließ. "Manchen Leuten hat das offenbar wirklich Freude gemacht. Dass sie sich gegenseitig angeschwärzt haben, ist fast schon wieder lustig", sagt André Neubert, der den Beitrag schon als Probedruck vorliegen hat. Im wissenschaftlichen Beirat des Karl-May-Hauses, der Ekkehard Fröde ausgeschlossen hatte, wurde Klaus Ludwig 1993 sogar zum stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. Und das in einer Zeit, in der heftig über die Täter und Opfer der Stasi in den verschiedenen Gruppen und Gremien diskutiert wurde.

Im Jahr 1997 schied Ludwig, der in Dresden lebte, dann aus, veröffentliche aber weiter in verschiedenen Publikationen. "Solche Erkenntnisse sind ja immer auch ein Stück Heimatgeschichte", sagt Neubert über die aktuellen und früheren Forschungen über die Stasi in der May-Szene. Dazu gibt es bereits Bücher, und in einer Ausstellung spielte das Thema im Jahr 2002 eine Rolle. "Zuletzt war lange Zeit Schweigen im Wald. Der neue Beitrag ist wirklich hoch interessant", sagt Neubert, der zudem berichtet, dass die Forschungen rund um das Wirken der Stasi in der May-Szene noch nicht ganz abgeschlossen seien.

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