Vorwurf: Er war ein Diktator mit hübscher Maske

Die Semperoper sucht einen neuen Intendanten. Warum das so kam, versuchte die Kunstministerin gestern zu erklären.

Dresden.

In Sachen Sport mag es die Politik schwer haben, Steuergeld in ansprechende Ergebnisse zu verwandeln - verglichen mit Kultur ist das aber noch vergleichsweise leicht: Während das Höher, Schneller, Weiter im Kern klar geregelt ist, sind Qualität und künstlerischer Erfolg bei Oper & Co. vor allem Behauptungen, die stark im Auge des Betrachters liegen. Personalentscheidungen sind das A und O: Hat man eine gute Hand, bekommt man die richtigen Intendanten, Dirigenten oder Museumsdirektoren, die dann die eingesetzten Steuermittel in vorzeigbare kulturelle Ergebnisse verwandeln. Liegt man jedoch daneben, kann es passieren, dass man einem eigenwilligen Künstler einen kulturellen Amoklauf finanziert. Kulturpolitik ist ein Minenfeld.

Kein Wunder also, dass in der Stimme der sächsischen Kunstministerin Sabine von Schorlemer ein leichtes Zittern zu vernehmen war, als sie gestern zur Pressekonferenz in der Dresdner Semperoper nochmals erklären wollte, warum sie vor wenigen Tagen dem erst im Herbst mit viel Vorschusslorbeeren "geangelten" Intendanten Serge Dorny gekündigt hatte. Im Kern wiederholten alle Beteiligten, was das Ministerium am Donnerstag bereits erklärt hatte: Das Verhältnis sei wegen unangemessener Kompetenzforderungen des Neuen bereits in der Vorbereitungszeit so zerrüttet worden, dass nur die Notbremse blieb.

Unabhängig davon, dass Dorny im Gegenzug öffentlich verbreitete, über seinen Aufgabenbereich falsch informiert worden zu sein und sich degradiert gefühlt habe, steigerte die Pressekonferenz eher den Erklärungsbedarf - obwohl oder gerade weil die Ministerin auf dem Podium in einer demonstrativen Einigkeit mit Chefdirigent Christian Thielemann, Semperopern-Geschäftsführer Wolfgang Rothe, Orchesterdirektor Jan Nast und Orchestervorstand Henrik Woll eingeklemmt war, so dass keineswegs ein klares Gefühl dafür aufkam, wer im schillerndsten Staatskulturbetrieb Sachsens denn nun das Zepter in der Hand hält.

Gezeichnet wurde ein janusköpfiger Serge Dorny, auf den sich alle Beteiligten ob seiner spektakulären Opern-Erfolge in Lyon sehr gefreut hätten - der dann aber schnell die hübsche Maske aus den Bewerbungsgesprächen fallengelassen habe, um eine Diktatur zu errichten.

Natürlich stehen da Fragen nach Details im Raum - und die ergeben kein eindeutiges Bild. Dorny hatte Thielemann vorgeworfen, die Staatskapelle wie einen "Staat im Staate" zu behandeln und nicht als Sparte der Semperoper, die insgesamt dem Intendanten untersteht. Thielemann, der natürlich keinen "Staat im Staate" betreibe, sei stets kooperationsbereit gewesen, erklärte indes von Schorlemer. Dorny habe einen unerfüllbaren Forderungskatalog vorgelegt - dessen Einzelheiten man aus juristischen Gründen nicht nennen könne - und bei Nichterfüllung mit fristloser Kündigung gedroht. Warum das Ministerium als Reaktion selber kündigte, begründete Schorlemer damit, dass Dorny "schlecht über Mitarbeiter des Hauses geredet" habe: "Wir mussten Schaden vom Haus und vom Freistaat abwenden." Schaden abwenden - das klingt unlogisch, zumal Dorny nun klagen kann, notfalls auf seinen Lohnausfall von 1,5 Millionen für fünf vereinbarte Jahre.

Christian Thielemann war einerseits bemüht, sich als stets gesprächsbereit darzustellen - fand es dann aber beleidigend, dass der Intendant, also theoretisch sein Chef, bei der Ministerin um Änderung des Dirigentenvertrages nachgesucht habe. Rothe gab dann bei der Schilderung der "diktatorischen Methoden" Dornys zu, es "nicht gewöhnt zu sein, dass man meine fachlichen Einschätzungen hinterfragt" und fand es eine Zumutung, dass der Belgier das Ensemble einem internen Vorsingen unterzogen habe: Das sei respektlos und habe alle im Haus verunsichert. Das ganze Haus wäre letztlich froh über den Rausschmiss.

Die Staatskapelle Dresden ist unstrittig eines der weltbesten Orchester - die Inszenierungen der Semperoper zählen inzwischen jedoch nur noch zum europäischen Mittelmaß. Von einer "Touristenoper" ist in Fachkreisen nicht selten die Rede. Dirigent Thielemann hat mehrfach das Regietheater für tot befunden - seine Vorstellung von Oper scheint eine zu sein, in der die Inszenierung der Musik dekorativ zur Seite steht.

Ist es vorstellbar, dass man sich in Serge Dorny so sehr getäuscht hat? Oder ist eher denkbar, dass hier eine Ministerin versucht hat, mit einer geschickt herbeigeführten Personalentscheidung dafür zu sorgen, dass der Freistaat für seine eingesetzten Steuermillionen zur Weltklasse-Kapelle auch Weltklasse-Oper bekommt? Indem sie einen Chef installiert, der das Haus auch mal mit Neuerungen verunsichert? Kulturpolitik ist und bleibt ein Minenfeld.

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