Eine Stadt voll historischer Schwibbögen

Der berühmte Weihnachtsschmuck aus Johanngeorgenstadt wird 275 Jahre alt - Noch immer liegt vieles im Dunkel der Geschichte

Am Wochenende feiert die Bergstadt ihr Schwibbogenfest. Der Gebrauchsgegenstand von einst ist heute ein geschätztes Kulturgut. Im Interview mit Mario Ulbrich plaudern die Heimatforscher Frank (50) und Harald Teller (48) über Schwibbogen-Erfinder und -Legenden. Bergschmiede aus ihrer Familie gehörten zu den ersten, die solche Tischleuchter bauten.

Freie Presse: Der Schwibbogen wurde in Johanngeorgenstadt erfunden. Wie kam der erste Schwibbogenbauer auf die Idee?

Frank Teller : Ganz ehrlich? Wir wissen es nicht. Schwibbögen waren Tischleuchter, die die Johannstädter Bergschmiede an Heiligabend den Gruben schenkten, von denen sie ihre Aufträge bekamen. Warum sie die Bogenform wählten, darüber gibt es nur Vermutungen. Harald Teller : Wir wissen, dass in den Kirchen von Scheibenberg und Johanngeorgenstadt zu Weihnachten große Lichterbögen auf der Orgel-Empore aufgestellt wurden. Sie symbolisierten wohl den Himmelsbogen. Erste Belege für diesen Brauch stammen von 1716. Es könnte also sein, dass sich die Schmiede an so einem Bogen orientiert haben.

Einer eurer Vorfahren soll 1740 den allerersten Schwibbogen gebaut haben. Stimmt das?

Frank Teller : Vielleicht, vielleicht auch nicht. Der älteste Schwibbogen, den wir kennen, wurde 1740 gefertigt, aber wir haben keine Belege zu seinem Schöpfer. Zwei Bögen von 1778 stammen nachweislich von Carl Traugott Teller. Mit ihm haben wir gemeinsame Vorfahren, aber wir sind keine Nachkommen von ihm. Sein Familienzweig ist erloschen. Harald Teller : Der Schwibbogen von 1740 hat starke Ähnlichkeiten mit denen von 1778. Deshalb wird spekuliert, dass auch er aus der Teller-Schmiede stammt. Aber wie gesagt, das ist nur eine Vermutung.

Sind heute noch Originale aus historischer Zeit erhalten?

Frank Teller : Ja, sieben insgesamt. Vier aus der Zeit vor 1800, drei aus der Zeit zwischen 1800 und 1900. Die beiden Teller-Bögen von 1778 sind im Bergbaumuseum Freiberg und im Industriemuseum Chemnitz zu sehen, die anderen befinden sich in Privatbesitz. Das Museum für Sächsische Volkskunst in Dresden zeigt eine Replika des historisch ältesten Schwibbogens aus dem Jahr 1740.

Weshalb waren die Motive der frühen Schwibbögen so ganz anders als die der heutigen?

Frank Teller : Die alten Bögen zeigen neben Bergleuten vor allem Adam und Eva und den Erzengel, der sie aus dem Paradies vertreibt. Der 24. Dezember, an dem der Leuchter zur Mettenschicht angezündet wurde, galt damals als der Tag von Adam und Eva. Das Motiv lag also nahe. Harald Teller : Heute ist der Schwibbogen zum Kulturgut geworden. Die Menschen wollen sich an ihm erfreuen. Deshalb sind die Motive so vielfältig. Bergleu te, Skifahrer, Tiere, Schnitzer - der Bogen ist eine Art Bilderrahmen, in den jeder hineinsetzt, was ihm gefällt. Das ist auch gut so, finde ich.

Der erste Großschwibbogen der Welt wurde ebenfalls in Johanngeorgenstadt gebaut. Entworfen hat ihn aber die Leipziger Grafikerin Paula Jordan. Oder hatte sie Inspiration aus Johannstadt?

Frank Teller : Es war ein Gemeinschaftswerk. Paula Jordan hat den Entwurf im Auftrag des Schwarzenberger Fabrikanten Friedrich Emil Krauss gemacht, der ihn auf der Weihnachtsausstellung von 1937, der Feierohmd-Schau, zeigen wollte. Aber der Bogen sollte von Anfang an ein Johanngeorgenstädter Wahrzeichen werden. Krauss hat beim Motiv vermutlich ebenso mitgeredet, wie unsere damaligen Stadtväter. Johanngeorgenstadt hat den Schwibbogen bezahlt und kam sogar für die Kosten seiner Gasbeleuchtung während der Feierohmd-Schau auf.

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1Kommentare
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    524989
    11.12.2015

    Die Annaberger Lokalausgabe weiß mehr: Der Entwurf der 1740er Bogens stammt von Paula Jordan (vgl. http://www.freiepresse.de/LOKALES/ERZGEBIRGE/ANNABERG/Erzgebirgisch-wird-zur-Fremdsprache-artikel9380421.php). 8-)



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