Sein Leben verdankt er einem Fremden

In Deutschland hoffen mehr als 10.000 Schwerkranke auf die Transplantation eines Organs. Die Anzahl der Spender war allerdings zuletzt so niedrig wie seit 20 Jahren nicht. Ein Stollberger will helfen, das zu ändern.

Stollberg.

Ehrenfried Schnur ist kein großer Redner, und er rückt seine Person auch nicht gern in die Öffentlichkeit. Dass er dennoch mit "Freie Presse" spricht und auch vorhat, dies auf einer Veranstaltung zu tun, hat nur einen Grund: Er will Schwerkranken helfen. Wie? Indem er gesunde Menschen davon überzeugt, sich einen Organspendeausweis zuzulegen, also bereit zu sein, nach dem eigenen Tod anderer Leben zu retten. Denn die Bereitschaft, Organe zu spenden, ist rückläufig. Laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) gab es 2017 bundesweit 797 Organspender, das sind 60weniger als 2016. Auch die Zahl der gespendeten Organe sank um 9,5Prozent auf 2594 Organe.

"Wenn man ins Koma fällt, ist es zu spät", sagt Ehrenfried Schnur. "Man sollte vorher entscheiden, anderen zu helfen, wenn man selbst nicht weiterleben kann." Der 65-Jährige hat die kleine Karte, die ihn als Organspender ausweist, seit 2003 immer bei sich. Damals begann der gebürtige Pfälzer, den die Liebe vor 20 Jahren nach Stollberg verschlug, eine Tätigkeit am Kreiskrankenhaus. "Wenn man das Leid dort sieht, ist es mit dem Gewissen nicht zu vereinbaren, nicht zu helfen, wenn man helfen kann", begründet er, warum er sich damals entschied, potenzieller Organspender zu werden. Was er 2003 nicht ahnte: Ein anderer Mann, etwa in seinem Alter, sollte ihm zwölf Jahre später mit einer Leberspende das Leben retten.

Denn Ende 2013 wurde bei ihm Leberkrebs diagnostiziert. Der Versuch, den Krebs durch eine spezielle Bestrahlung zu therapieren, musste schon nach dem ersten Termin abgebrochen werden - er hatte bereits in die andere Leberhälfte gestreut. Anfang des Folgejahres kam er auf die Spenderliste. Und dann begann das Warten ... An einem Morgen im November 2014 klingelte das Telefon. "20 Minuten nach 8", das weiß er heute noch genau. Man habe ein Spenderorgan und er müsse sofort nach Jena gebracht werden. Allerdings: In solchen Fällen werden zur Vorsicht immer zwei Patienten informiert, falls kurzfristig einer die Spende nicht bekommen kann. Er habe schon im OP-Saal gelegen, als der Oberarzt zu ihm kam und ihm sagte, das Organ bekomme der andere, der dringlichere Patient.

Im Juni 2015 ging es ihm dann besonders schlecht. Er lag wieder einmal im Krankenhaus und dort sagte man ihm, ohne Transplantation werde er nicht mehr lange leben. Mit diesem Gedanken ging er am 16.Juni ins Bett - und wurde tags darauf 4.30Uhr geweckt. Man hatte eine Leber für ihn. Mit dem Rettungsdienst wurde er vom Stollberger Krankenhaus in die Uniklinik Jena gebracht, kurz nach 6 traf er dort ein, halb 8 begann die OP. "Es war wie ein Wunder", sagt er heute. "Abends konnte ich mich schon mit meiner Frau unterhalten, dann ging es schrittchenweise bergauf." Er muss auch heute noch jede Menge Medikamente schlucken, unter anderem drei, um eine Abstoßung der fremden Leber zu verhindern. Diese wiederum schwächen sein Immunsystem, weshalb er ein wenig vorsichtig sein muss. Überanstrengen sollte er sich auch nicht. Aber das alles sind Lappalien. Er lebt.

Ehrenfried Schnur würde gern mehr wissen über seinen Spender. Wer war dieser Mensch, der ihm das Weiterleben ermöglichte? Ein Jahr nach seiner Lebensrettung habe er der ihm unbekannten Witwe ein Dankschreiben zukommen lassen. Dass er es bedauere, dass Trauer in ihr Leben zog, hat er ihr geschrieben, dass sie aber stolz sein kann auf ihren Mann, der Leben gerettet hat. Vielleicht schickt sie ihm irgendwann eine Antwort, hofft er.

Aller zwei Monate kommt er mit anderen Organspendenempfängern in einer Selbsthilfegruppe zusammen. Es sei aufbauend, Erfahrungen auszutauschen, auch wenn es mitunter traurige Rückschläge gebe. Andere leben schon Jahre gut mit einem Organ, das sie einem anderen verdanken. Einmal im Jahr nimmt Schnur auch an einem Patiententreff in Jena teil. Dort werde man animiert, über seine Erfahrungen zu berichten und für die Organspende zu werben. Darum habe er sich auch bereit erklärt, bei einer Veranstaltung des Krankenhauses mitzumachen. Selbst wenn Reden nicht so sein Ding ist, wie er sagt, "aber es ja für eine gute Sache".

Der Termin für die von der Klinik für Innere Medizin II geplanten Infoveranstaltung musste verschoben werden, wird aber rechtzeitig bekanntgegeben. Neben Ehrenfried Schnur werden zwei weitere Transplantations-Patienten sprechen, außerdem referiert Chefärztin Dr.Elke Möbius.


In Deutschland herrscht akuter Organmangel

Bundesweit stehen mehr als 10.000 Patienten auf der Warteliste für eine Transplantation. Täglich sterben statistisch gesehen drei von ihnen, weil für sie kein Organ verfügbar ist.

Von einem Verstorbenen können Niere, Leber, Herz, Lunge, Pankreas und Dünndarm übertragen werden. Außerdem lassen sich Hornhaut oder Knochen verpflanzen. Jugendliche können ab 16 Jahre ohne Zustimmung eines Erziehungsberechtigten ihr Einverständnis zur Organspende geben. Nach oben gibt es keine Altersgrenze, entscheidend ist der Organzustand.

Damit Organe nach dem Tod entnommen werden können, müssen zwei Voraussetzungen erfüllt sein: Es muss eine Zustimmung vorliegen und der Hirntod muss nach den Richtlinien der Bundesärztekammer eindeutig festgestellt worden sein.

Die meisten Bundesbürger stehen der Organspende positiv gegenüber, aber nur etwa 35 Prozent dokumentieren das in einem Organspendeausweis. In neun von zehn Fällen müssen so Angehörige über eine Spende entscheiden. www.organspende-info.de

(Quelle: Dt. Stiftung Organtransplantation)

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