Zeiten-Wanderer

Erst war er Aufsteiger, dann Staatsfeind, dann stilles Wasser, letztlich Bürgermeister von Zwönitz. Mit Adam Ries ist er zudem verwandt. Nun hat Uwe Schneider auch noch 750 Seiten Papier beschrieben.

Da behauptet doch einer, dass er von Adam Ries abstammt, warum denn nicht gleich von König Nebukadnezar? Aber wirklich, Adam Ries ist sein Vorfahr, freilich in der 15. Generation. Und mit diesem Rechenmeister hat es Uwe Schneider auch heute noch zu tun. Sollten wir ihn aber nicht einen Schreibmeister nennen? Denn geschrieben hat der Zwönitzer sein ganzes Leben.

Die Geschichte, die wir erzählen, hat Mitte der 1960er-Jahre begonnen.

Uwe Schneider, geboren 1943, war der Sohn eines bekannten erzgebirgischen Unternehmers, "Schneider und Korb" hieß der Betrieb. 1946 wurde der Vater unter fadenscheinigen Gründen von den Russen verschleppt. Er blieb verschollen, vielleicht endete er in einem sibirischen Lager. Der Sohn wurde Dreher. Eines Tages kam der Onkel mit einem mehrfach gefalteten Papierbogen zu ihm, dem "Ahnenpaß" des Vaters.

Es war ein von den Nazis 1933 eingeführter Ariernachweis. Dort fanden sich zumeist die Namen und Daten von drei Generationen des Passinhabers. Auch hier war das so, und Uwe Schneider, der mittlerweile auf dem Weg war, ein Journalist zu werden, hatte nun so etwas wie ein Grunderlebnis: Er fand ein Stück seiner Familiengeschichte, die Neugier war geweckt. Er wollte wissen, woher er kam, wer seine Vorfahren waren. Nun ging es Schritt für Schritt.

Er kam zu den Genealogen, den Familienforschern, die es schon im Kulturbund der DDR gab, erst nach Chemnitz und dann nach Annaberg. Dort stieß er auch auf den Namen Adam Ries, und auf eine Gruppe erzgebirgischer Familienforscher, die ebenfalls den Rechenmeister zum Vorfahren hatten. Auch wer nicht viel von Ries weiß, weiß vielleicht, dass der in Staffelstein 1492 Geborene über Erfurt nach Annaberg kam und hier als Bergbeamter lebte und auch seine Rechenbücher schrieb. Eine seiner wichtigsten Leistungen war wohl, dass er das unhandliche System der römischen Ziffern durch die arabischen Zahlen ersetzte. So bekam er denn den Ehrennamen: Rechenmeister des deutschen Volkes. Aber für Adam Ries interessierten sich auch die Familienforscher, die Genealogen, nicht zuletzt die Mathematiker, denen die Erschließung der wissenschaftlichen Leistungen des Rechenmeisters am Herzen lag. So wurde 1991 der Adam-Ries-Bund gegründet, der sich mit der Geschichte und den Personen rund um den Rechenmeister beschäftigt, und eben auch nach seinen familiären Beziehungen forscht. Heute gibt es eine Datenbank mit den Namen von 24.ooo direkten Nachfahren.

Und da gehört eben Uwe Schneider dazu. Und weil er sich in diesen Forschungen besonders auszeichnete, bekam er den Adam-Ries-Sonderpreis.

Aber seine Interessen reichten über den eigenen Familienhorizont hinaus. Dafür gab es etliche Anstöße. "Es war vor 60 Jahren, als mir der Ortschronist Paul Kunze ein zerlesenes Büchlein vom ehemaligen Pfarrer Löscher in die Hand drückte und sagte: Noch spannender als ein historischer Roman ist die Geschichte deiner Heimatstadt Zwönitz." An diesem Tag begann die Suche des Zwölfjährigen nach Spuren der Heimatgeschichte in Geschriebenem und Gedrucktem. Aber es sollten noch etliche Jahre vergehen, ehe aus dem Leser der Forscher, der Chronist wurde. Als man ihn 1970 aus politischen Gründen aus der Zeitung entließ, wurde er, nachdem er in die Fänge der Staatssicherheit geraten war, 1972 Papiermacher in einem Pappenwerk. Und er begab sich als Forscher und Schreiber in das scheinbar unpolitische Feld der Heimatgeschichte.

Aber das "stille Wasser" gab seine Überzeugungen nicht auf. Nach der Wende konnte er nicht nur Geschichte unzensiert schreiben, sondern er durfte sie auch mitgestalten. Die Pfarrer der Stadt baten ihn damals, den "Runden Tisch" zu moderieren. So wurde er 1990 der erste frei gewählte Bürgermeister von Zwönitz, er blieb es bis zu seiner Pensionierung 2008. Doch das hat er alles schon in der Serie seiner erzgebirgischen Mundartbücher beschrieben, wie er ein Lausgung war, ein Aufsteiger, ein Staatsfeind, ein stilles Wasser und schließlich der Bürgermeister.

Wenn man ihn fragt, wie er denn aber ein Chronist seiner Heimatstadt wurde, meint er, "auch das hängt ein wenig von meiner Bürgermeisterzeit ab. Damals habe ich mich immer geärgert, wenn ich irgendwo falsche Angaben, Jahreszahlen über Ereignisse meiner Stadt las. Da hatte einer vom anderen abgeschrieben. Und da habe ich begonnen, alle erreichbaren Quellen zu sichten." Es war ja so, dass die vorliegenden Arbeiten zur Geschichte der Stadt oft nicht auf einer gesicherten Quellenlage basierten. Erst Uwe Schneider begab sich in die mühselige Arbeit, die Quellen der Geschichte sprudeln zu lassen. So stieg er also durch die Archive und Kirchenämter, studierte Kirchenbücher und Gerichtsbücher. "Da musste ich erst einmal die alten Schriften zu entziffern lernen, die deutsche Schrift mit Gänsekiel, wie man sagt." So entstanden damals Geburts-, Trau- und Sterberegister von 1589 bis 1945. Von besonderem Nutzen waren die Gerichtsbücher, die aus der Zeit von 1501 bis 1840 existierten und die im Hauptstaatsarchiv in Dresden lagen. Die Stadtverwaltung, sein Nachfolger Wolfgang Triebert im Bürgermeisteramt, hat solche Wege gefördert und finanziert. So entstand dann das Buch, das den simplen Titel trägt "Chronik der Stadt Zwönitz 960 - 1945" und im Untertitel "Ein Handbuch". Es ist, vielleicht darf man das so sagen, ein Buch für jede Hand, und eben auch eine Grundlage für künftige Forschungen. Es führt die Leser vom Naturraum des Erzgebirges aus dem Dunkel der Geschichte über die Welt- und Zeitläufe bis an das Ende des Zweiten Weltkrieges. 750 Seiten, wer zählt die Stunden, die Tage? "Geschichte zerfällt in Geschichten, wahre und unwahre. Geschichten sind manipulierbar, Geschichte nicht", schreibt er in seinem Vorwort.

Und so ist auch aus dieser Heimatgeschichte ein Stück Weltgeschichte zu lesen. Unlösbar verbunden sind die Menschenwege in den Dörfern und Städten mit den großen Bewegungen der Zeiten. Dass ihm solche Verknüpfung in seinem Buch gelungen ist, macht den Rang dieser Chronik aus. Auch wenn er das Lob nicht unbedingt hören will: Uwe Schneider hat sich mit diesem Buch in die Phalanx der großen Erzgebirgschronisten geschrieben, wenn wir an Christian Lehmann (1611 bis 1688), Christian Meltzer (1655 bis 1733), Friedrich Hermann Löscher (1888 bis 1967) denken. Nun wird die Chronik als Buch bald die Leser erreichen.

Und was wird der Chronist dann anpacken? Vielleicht Band 2 für die Jahre 1945 bis 1990 sowie Band 3 für die Zeit seit 1990? Aber er weiß, dass auch das wieder Jahre brauchen wird. Und dann ist er ja auch ein Erzähler, der Spaß an den erzgebirgischen Geschichten hat, die etwa in seinem kleinen Band "Lachen macht gesund" vielen Lesern Vergnügen gebracht haben. Ach ja, der alte Werbeslogan ist ihm nicht unvertraut: Es gibt viel zu tun, packen wir's an.

So lebt er also, so schreibt er also: Der Mann, der nach Adam Ries kam. Und was sind denn schon 14 Generationen, die die beiden trennen? Eine Sekunde nur im Weltenlauf. Und sein letztes Wort in dieser Sache: "Erst die Kenntnis der Geschichte, sei es die unseres Volkes, der Heimat oder der Familie, lässt uns den richtigen Platz in der Gegenwart finden."

Bezugsmöglichkeiten der Chronik ab Februar sind über die Stadtinformation Zwönitz zu erfahren.

 

Dieser Beitrag erschien in der Wochenendbeilage der "Freien Presse".

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