Heftige Debatte um Schettler-Ehrung

Die Diskussion über die Nazivergangenheit des Mediziners gerät zur ideologischen Schlammschlacht. Falkart-Schirmherrin Yvonne Magwas kündigt einen Runden Tisch zum Thema an.

Falkenstein.

Nachdem der Falkensteiner Ex-Stadtrat und frühere Vizebürgermeister Rolf Steiniger die Löschung des Schettler-Namenszuges an der neuen Sporthalle am Jahnplatz gefordert hat, widerspricht ihm nun der Stadtrat und Fraktionschef der "Bürger für Falkenstein". "Der Namenszug an unserer Turnhalle muss gar nicht verschwinden", schreibt Michael Lienemann in einem Leserbrief.

Lienemann geht noch einen Schritt weiter und spricht dem Vorsitzenden des Göltzschtalverbandes der Linken das Recht ab, über den gebürtigen Falkensteiner und späteren einflussreichen Nachkriegs-Mediziner Gotthard Schettler urteilen zu dürfen, indem er die faschistische Diktatur mit der kommunistischen aufrechnet. "Viele Millionen Tote durch kommunistischen Terror. Stalin, Lenin, Mao usw.", schreibt er mit Verweis auf den "erzwungenen Auftragsmord" für DDR-Wehrpflichtige an der Berliner Mauer. Und weiter: "Rote Ideologie hat sich so etwas Perfides ausgedacht." Ausgerechnet aus dieser linken Ecke komme nun so ein Protest.
den.


Als "verantwortungslos" hatte Rolf Steiniger zuvor bezeichnet, dass mit der Namensgebung für die Turnhalle seit einem halben Jahr in Falkenstein einem "Nicht-Entnazifiziertem" öffentlich gehuldigt wird. Der Grund: NSDAP-Mitglied Gotthard Schettler hatte zur gesellschaftlichen Elite des Dritten Reiches gehört und war als Gaustudentenführer damals nicht nur Mitläufer, sondern in einer Führungsposition.

Recherchen der "Freien Presse" ergaben zudem, dass Schettler mit dieser Ideologie auch nach 1945 in der Bundesrepublik noch viel Leid anrichtete. Inzwischen war er zu einem der einflussreichsten Internisten im Nachkriegsdeutschland geworden und sorgte als solcher systematisch für die Nicht-Anerkennung von Gesundheitsschäden der NS-Verfolgten - unter anderem mit Argumenten, die auf die Nürnberger Rassegesetze von 1935 zurückgehen. Eine wissenschaftliche Quelle dafür ist der Medizinhistoriker Christian Pross, ein betroffenes Opfer der Berliner Holocaustüberlebende Horst Selbiger.

Während Rolf Steiniger Schettler deshalb als Turnhallenpate für nicht tragbar hält, geht Michael Lienemann darauf nicht ein. Stattdessen unterstreicht er Schettlers "viele Ehrendoktorwürden". Damit liegt er auf der Argumentationslinie von Bürgermeister Marco Siegemund (CDU) und des Falkensteiner CDU-Landtagsabgeordneten Sören Voigt. Voigt verweist zudem auf den Falkensteiner Stadtrat als das für die Namensgebung verantwortliche Entscheidungsgremium. Er und die CDU-Bundestagsabgeordnete Yvonne Magwas hatten sich in einer zeitgleich erschienenen Schettler-Hommage in Buchform verewigt und waren deshalb von Steiniger zu einer Stellungnahme aufgefordert worden.

Auch Yvonne Magwas rückt nicht vom Argument der Schettlerschen Auszeichnungen ab, räumt aber ein, dass es auch abseits des Stadtrates eine Debatte über das Für und Wider geben muss. Als Schirmherrin des Vereins Falkart habe sie mit dessen Vorsitzendem Rainer Döhling vereinbart, Anfang 2018 einen Runden Tisch zum Thema zu veranstalten. Döhling hatte die Ehrung Schettlers maßgeblich angeschoben und gegenüber der "Freien Presse" eingeräumt, von der Schattenseite des Mediziners gewusst, sie bewusst aber unerwähnt gelassen zu haben, um sein Projekt nicht zu gefähr


Kommentar: Auf den Falschen gesetzt

Die Stadt Falkenstein ehrt eine Person, die Handlanger eines Systems war, das Millionen Menschen - vom Säugling bis zum Greis - in Gaskammern geschickt hat.

Auch wenn Gotthard Schettler selbst keinen Menschen getötet haben mag, auf dem Gewissen hat er dennoch welche - weil er den systematischen Massenmord unterstützt hat. Das sind die Fakten, ob es einem passt oder nicht.

Trotzdem wird Schettler fast reflexartig verteidigt. Das Hauptargument: Seine Verdienste als Mediziner, die in zahlreichen Ehrungen, unter anderem dem Bundesverdienstkreuz, gipfelten.

Doch was sind diese wert?

Schettler hat - und auch das ist eine unumstößliche Tatsache - nach 1945 seine menschenverachtende Ideologie nicht abgelegt.

Keiner will den Falkensteinern etwas kaputt machen. Jede Stadt hat ein Recht darauf, stolz auf seine berühmtesten Vertreter zu sein. Aber nicht um den Preis, seinen Nachkommen nicht mehr in die Augen schauen zu können - weil man auf den Falschen gesetzt hat.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
1Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.

  • 4
    0
    Täglichleser
    11.11.2017

    Herr Lienemann, es gibt doch schon keinen Leninplatz mehr. Den Stalinalleen wurden schon zu DDR-Zeiten abgeschafft. In Auerbach gibt es keinen Marx mehr, dafür die Kaiserstraße. Aber jetzt einen Nazi auf den Sockel zu heben, dass ist schon etwas daneben. Das ist ganz schön rechts.



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...