In der Küche bei Nelly Sachs

Nicht immer unbeschädigt und nicht immer als Sieger haben Schriftsteller die Wirren und Verirrungen des 20. Jahrhunderts überstanden. Hans Magnus Enzensberger beschreibt das in 99 spannenden Biografien.

Im November wird er 89 Jahre alt, und er ist wohl einer der bedeutendsten und vielseitigsten deutschen Schriftsteller unserer Zeit: Hans Magnus Enzensberger. In seinem jetzt erschienenen Buch stellt er 99 "Überlebenskünstler" vor. Freilich ist er selber einer aus diesem Hundertpack der Autoren des 20. Jahrhunderts. Was er uns da beschreibt in literarischen Vignetten, es ist seine Literaturwelt in Geschichten. Und wenn man so will, überhaupt eine intelligent bedachte, sehr elegant geschriebene Porträtgalerie von Autoren, deren geistiges Weiterleben er sich wünscht.

In diesem Buch bietet er die Gründe und Hintergründe. Enzensberger hat ja schon immer eine Vorliebe für die Entzifferung von Biografien. Man lese seinen Gedichtband "Mausoleum", diese "siebenunddreißig Balladen aus der Geschichte des Fortschritts" - und nun also 99 "Überlebenskünstler". Die Zahl ist willkürlich gewählt, die Namen sind es keineswegs. Enzensberger erzählt in diesen spannenden feuilletonistischen Texten von Autoren, die die Wirren und Verirrungen des 20. Jahrhunderts überstanden. Nicht immer unbeschädigt, nicht immer als Sieger, aber oft mit einem weiterwirkenden Werk.

Die Auswahl ist subjektiv, und Enzensberger verzichtet nicht darauf, im Anekdotischen seine Erfahrungen, Erlebnisse und Begegnungen zu benennen. Vielen dieser Überlebenskünstler ist er ja in seiner eigenen ausschweifenden Literaturbiografie begegnet. Es beginnt mit einem Klassiker des Widerspruchs, mit Knut Hamsuns "Hunger". Dieses Buch, ein Jahrzehnt vor dem Jahrhundertbeginn erschienen, ist für ihn aus dem Werk des Norwegers "das allerliebste". Enzensberger kennt die Biografie dieses Schreibers, der Adolf Hitler bewunderte und beweinte und dafür von seinen Landsleuten eingesperrt wurde. Aber "Auf überwachsenen Pfaden", wie sein letztes Buch heißt, hat er sich über das Jahrhundert bewegt - und als Autor mittlerweile überlebt.

So also sind die Geschichten, die Enzensberger serviert. Wer liest denn noch Curzio Malapartes einst gefeierten Roman "Kaputt", wer Albert Fabri, Gustav Regler? Aber hier finden sich auch kluge Texte über Johannes R. Becher, Stephan Hermlin und viele andere.

Hans Magnus Enzensberger hat etliche dieser Überlebenskünstler getroffen: den Vielschreiber erotischer Romane Alberto Moravia in Rom, Peter Weiss, den er gut kannte, in Stockholm. Aber auch bei Nelly Sachs saß er in der Küche, und bei Ilja Ehrenburg trank er Champagner. Natürlich muss Alfred Andersch genannt werden, "ich habe ihm viel zu verdanken", Peter Rühmkorf, der Freund, und ein anderer Freund, der Pole Ryszard Kapuœciński. Auch Ivo Andríc und Konstantin Paustowski finden sich hier. Es gibt Vignetten von dem Nazilieder-Autor Hans Baumann, dem rechthaberischen Rudolf Borchardt oder dem Kollaborateur Louis-Ferdinand Céline.

Vielleicht wird jeder Leser seine Wünsche in dieses Mausoleum einbringen: Joseph Conrad, Alfred Neumann, warum fehlt Thomas Mann? Aber das Buch ist eben eine "subjektive Auswahl". Im Vorwort findet sich der Satz: "Kann man nichts von ihnen lernen? Es kommen härtere Tage."

Ja, dieses Buch mit den Biografien von gestern ist durchaus ein Buch für morgen, ein "Training des Überlebens könnte von Nutzen sein". Wie haben sie gelebt, was sind uns Beispiele, gute und weniger gute fürs Überleben, für das Leben? Und nicht zuletzt: Hans Magnus Enzensberger hat in diesem Band nicht nur 99 Überlebenskünstler beschrieben, sondern auch seine eigene vielschichtige, geschichtsträchtige Biografie.

Hans Magnus Enzensberger: "Überlebenskünstler. 99 literarische Vignetten aus dem 20. Jahrhundert"

Suhrkamp Verlag

367 Seiten

24 Euro

ISBN 978-3-518-42788-0

Dieser Beitrag erschien in der Wochenend-Beilage der Freien Presse.

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