Zwischen Aufbruch und Schaffenskrisen

Der junge Hermann Hesse sucht die Abgeschiedenheit und wird - auch in Thomas Langs Buch - in der Idylle nicht froh.

Thomas Lang greift in seinem biografischen Roman einen bisher weniger beachteten Abschnitt aus dem Leben Hermann Hesses auf. Es ist die Zeit von 1907 bis 1918. Erzählt wird über das Spannungsfeld zwischen Bürgerlichkeit und Künstlertum, das Hesses Leben in dieser Zeit schon prägte.

Zu Beginn der Handlung ist Hesse, der 1946 den Nobelpreis für Literatur erhalten wird, Ende zwanzig und für sein Frühwerk bereits bekannt. Mit seiner neun Jahre älteren Frau Maria Bernoulli, die vordem Fotografin war und mit ihrer Schwester ein eigenes Atelier führte, zieht er in das abgelegene Dorf Gaienhofen am Bodensee, will ein Haus bauen und eine Familie gründen. Doch bald quält ihn die selbstgewählte Einsamkeit. Literarisch will ihm nichts mehr so recht gelingen. Immer tiefer gerät er in eine Schaffenskrise, und Selbstzweifel plagen ihn. Obwohl Hesse seine Frau und seine Kinder liebt, ergreift er mehrfach die Flucht aus der biederen Idylle, unternimmt Wanderungen und ausgedehnte Reisen, will seinen nervösen Magen kurieren lassen.

Nach einem missglückten Kuraufenthalt in Locarno, praktiziert er alternative Lebensweisen am Monte Verità und lernt dort allerhand skurrile Typen kennen. Doch der Widerspruch zwischen Hesses bürgerlichem und seinem künstlerischen Leben lässt sich so auf Dauer nicht lösen. Darunter leidet auch seine Ehe. Maria bleibt mit den Kindern während seiner Reisen allein zurück. Einzige Abwechslung bieten ihr der Besuch ihrer Schwester und der Hausbau, um den sie sich allein kümmern muss. Die ständige Überforderung und das Alleinsein untergraben ihre Gesundheit, was letztlich zur Scheidung führt.

Während des Ersten Weltkrieges, Hesse ist nicht kriegstauglich, arbeitet er in der Bücherzentrale der deutschen Kriegsgefangenen-Fürsorge, einer Vereinigung, die sich u. a. damit befasste, internierten Kriegsgefangenen Lektüre bereitzustellen. Auch hier zeigt sich bald, dass eine solch gleichförmige Tätigkeit Hesse einengte und auf Dauer nicht behagte.

Thomas Lang erzählt atmosphärisch dicht und mit starkem Einfühlungsvermögen. Er hat gründlich recherchiert und sich intensiv mit Hesses Diktion beschäftigt, sodass man beim Lesen mitunter das Gefühl hat, der Autor und sein Protagonist seien eins. Die Darstellung des Geschehens erzeugt Spannung, und es geht einem nahe. Briefe Hesses zu Beginn und am Ende des Romans bewirken das nötige Maß an Authentizität. Mit diesem Roman ist Lang die fesselnde Fiktion eines Lebensabschnitts von einem der Ausnahmeschriftsteller des 20. Jahrhunderts gelungen. Vielleicht dient Langs biografischer Roman auch dazu, wieder einmal ein Werk Hesses zu lesen, der seinerzeit zum Lieblingsschriftsteller und dessen Roman "Der Steppenwolf" in den 1960er-Jahren wie auch später zum Kultbuch einer ganzen Generation wurde.

Thomas Lang: "Immer nach Hause"
Berlin Verlag
379 Seiten
20 Euro
ISBN 978-3-8270-1333-0

Dieser Beitrag erschien in der Wochenendbeilage der "Freien Presse".

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