Webers "Freischütz" in Annaberg: Menschenschicksale hinter Spuk und Grusel

Gut gezielt und gut getroffen

Annaberg-Buchholz.

Fast 200 Jahre hatten Opernregisseure, Dirigenten, Theoretiker des Theaters Zeit, hinter Carl Maria von Webers Oper "Der Freischütz" zu kommen und ihre Erkundungen und Ausdeutungen dem Publikum nahezulegen. Viel ist passiert und auch nicht, ein satter Fehlschuss traf auch schon im Annaberger Theater ins Leere, vor ein paar Jahren ging eine Inszenierung der Weberoper an allem vorbei, was Freischütz heißt.

Ingolf Huhn hat diesmal getroffen.

Bejubelte "Freischütz"-Premiere war am Sonntag, ja, es war in Annaberg wieder mal Zeit geworden für dieses viel geliebte Waldstück. Wo es so schön duster ist und gruselig zugeht, heilige Schauer über den Rücken laufen und teuflische auch. Alles ist in herrliche Musik gebettet, na ja, alles nicht, manchmal wird auch ein bisschen viel geredet, zumindest für Opern-Verhältnisse. Huhn inszenierte den "Freischütz" mit direktem Bezug auf seine Entstehungszeit, die Befreiungskriege um 1813, die alles andere brachten als die Befreiung, wie an den alten willkürlichen fürstlichen Ritualen zu erkennen ist.

Weber sah seine Geschichte noch im Dunstkreis des Dreißigjährigen Krieges, wiederum fast 200 Jahre zurück, und Huhn ist nun zu einem Kunstgriff gezwungen: Am Schluss der Oper wird der Fürst plötzlich weichherzig und nachgiebig, und man weiß nicht recht, was ihn auf einmal derart umstimmt. Das Schicksal des sterbenden Kaspar wohl kaum, das des unglücklichen Brautpaars? Kaum. Vielleicht hat er's eilig, mit dem Bürgermädchen Ännchen davonzukommen, er ist vor lauter Tändelei ohnehin nicht ganz bei der Sache, die hier auszutragen ist. Denn: Der Eremit, der als eine Art guter Geist vorgesehen ist und der den Fürsten bewegt, mit dem altem Brauch des Probeschusses zu brechen, den hat Huhn aus Webers Ensemble verbannt. Der Probeschuss, mit dem sich der künftige Erbe der Erbförsterei das Amt und die dazugehörige Förstertochter erwerben muss (im wahrsten Sinn "erschießen" muss er sich die Belohnung), wird künftig abgesagt. Ingolf Huhns Schluss ist rätselhaft. Dafür aber erhält das Schicksal Kaspars bei ihm ganz anderes, menschliches, biografisches Gewicht, das ist der Preis des Rätsels, und man nimmt ihn gern. Denn Kaspar, großartig gesungen und gespielt von Lázló Varga, ist ein Charakter, der viel eher den Titel Freischütz tragen würde. Ich würde sagen: Hier ist Kaspar die Hauptrolle.

Huhn hellt damit auch ein Problem der Oper auf. Was ist mit dieser Liebe zwischen Max und Agathe? Nun, die Gunst des Erbförsters Kuno bleibt diesem eigenwilligen, selbstbewussten Jägerburschen Kaspar versagt. Für Kuno ist Max der Richtige, brav, dienstfertig, hörig. Und wen der Vater wählt, dem hat seine Tochter Agathe gehorsam ihre Liebe zuzuteilen. Kaspar muss sich hingegen auf den schwarzen Jäger einlassen, Samiel, die finstere Macht. Die Frau, das verführerisch Weibliche, ist's bei Huhn, Samiel wird dargestellt von Rebekka Simon.

Nimmt man also hin, dass der Fürst am Schluss eher auf Brauch und Rechtsvorschrift pfeift, als dass er sie bewusst reformiert, wird dieser "Freischütz" in der Figurenauffassung schlüssig. Auch, weil die sängerischen und darstellerischen Leistungen - bis auf Einschränkungen im stimmlichen Vermögen bei Leander de Marel als Kuno und bei Marcus Sandmann als Kilian - hervorragend sind, einschließlich Chor. Bettina Grothkopf (Agathe), Madelaine Vogt (Ännchen) und Frank Unger (Max) tragen mit der Erzgebirgischen Philharmonie unter der Leitung von Naoshi Takahashi diese durchdachte Inszenierung in einer schlüssig unkomplizierten Ausstattung von Wolfgang Clausnitzer.

Aber dieser Abend ist bei weitem keine erklügelte Lehraufführung, sondern blutvolles Theater, vergnüglich zu sehen, genussvoll zu hören.

 

Das Stück:

Der Jägerbursche Max muss vor dem Fürsten einen Probeschuss ablegen, um das Amt des Erbförsters zu bekommen und dessen Tochter Agathe zur Frau. Ihm gelingt auf einmal kein Treffer mehr. Aus Versagensangst verbündet er sich mit seinem Gefährten Kaspar, der sich auf das Gießen von Zauberkugeln versteht. Samiel, der geheimnisvolle schwarze Jäger, der in der gruseligen Wolfsschlucht haust, verlangt eine Seele dafür. Die Kugeln werden gegossen, das Schicksalsgeschoss trifft Kaspar selbst. Der Freikugelbetrug wird entlarvt, der Fürst gibt nach, Max muss in ein neues Probejahr und wird wohl dann das Erbe antreten können.

Nächste Vorstellung am 16. Januar, 19.30 Uhr. Kartentelefon: 03733/ 1407131.

►www.winterstein-theater.de

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