Abnehmen mit Hilfe der Gene

Die personalisierte Ernährung mittels eines DNA-Tests ist neu auf dem Diätmarkt. Doch sie ist teuer und umstritten.

Es ist ungerecht: Der eine verzichtet ein paar Abende auf Kohlenhydrate und seine Pfunde purzeln. Der andere müht sich genauso, hat aber nur marginalen Erfolg. Woran liegt das? Mit der Entschlüsselung der menschlichen Erbanlagen ist die Wissenschaft einer Antwort darauf nähergekommen. Denn obwohl sich alle Menschen genetisch ähneln, gibt es feine Unterschiede. Und diese sollen unter anderem dafür verantwortlich sein, dass manche Menschen durch Kohlenhydratverzicht abnehmen, andere aber nicht.

Aus diesem Wissen entwickelt sich derzeit eine völlig neue Form der Gewichtskontrolle - die personalisierte Ernährung, auch Nutri-Genetik genannt. Sie gilt als letzter Schrei auf dem Diätmarkt. Doch sie ist umstritten. Auf der Ernährungsfachmesse Anuga Food Tec in Köln treten im März erstmals Anbieter der personalisierten Ernährung und kritische Wissenschaftler in Vorträgen gegeneinander an.

 

Die Anbieter: Grundlage der Ernährungsempfehlungen ist ein DNA-Test - ein Abstrich von der Wangenschleimhaut, wie er zum Beispiel aus Vaterschaftstests oder der Verbrechersuche bekannt ist. Zertifizierte Labore untersuchen die Proben. Die Lifestyle-Analysen sind ein vergleichsweise neuer Zweig in der genetischen Diagnostik, doch ein recht einträglicher - rund 60.000 solcher gewichtsrelevanter DNA-Proben fallen bereits pro Jahr an, wie ein Anbieter sagt. Die Labore arbeiteten vorher für die Medizin oder tun das zum Teil noch immer.

Auf dem deutschen Markt sind derzeit zwei große Anbieter aktiv: die Genanalysezentren Novogenia aus Salzburg und Cogap aus Köln. Ihre Gen-Diäten heißen Bodykey und Metacheck.

 

Das Diätprinzip: Die Gene, die die zertifizierten Labore überprüfen, haben zum Beispiel Bezeichnungen wie ApoA2, ADRB3 oder FABP2. ADRB3 soll anzeigen, wie gut eine Person auf Sport anspricht. "Etwa 83 Prozent der bislang von mir getesteten Personen können durch intensive sportliche Betätigung abnehmen", sagt der Molekularbiologe Dr. Daniel Wallerstorfer, der Novogenia leitet. Die restlichen 17 Prozent hätten keinen Erfolg damit. "Sie sollen zwar dennoch moderaten Sport für ihre Gesundheit treiben, werden bei normaler Ernährung davon aber nicht viel an Gewicht verlieren."

APOA2 sei ein fettrelevantes Gen und gehört zu den Transport-Proteinen. "Es befördert Cholesterin und Fettsäuren und ist dafür verantwortlich, wie schnell überflüssiges Cholesterin ausgeschieden wird" sagt Molekularbiologe Dr. Hossein Askari, Chef des Cogap-Labors. Anhand dieses Gens könne die Fettspeicherfähigkeit eingeschätzt werden. Ein zweites fettrelevantes Gen, was man untersuche, sei FABP2. Etwa 45 Prozent der bisher Untersuchten waren fettempfindlich, 37 Prozent reagierten dagegen stark auf Kohlenhydrate. Der kleinste Teil - etwa 18 Prozent - käme mit beiden gleichgut zurecht. Diese Menschen müssen nur die Gesamtkalorienzahl, nicht das Nährstoffverhältnis im Blick haben, wenn sie abzunehmen wollen.

Anhand der Genanalysen werden individuelle Ernährungspläne erstellt. Sie berücksichtigen das ermittelte Verhältnis der Grundnährstoffe zueinander und die erforderliche Kalorienzahl, die zu einer Gewichtsabnahme führt. Berechnet wird außerdem, wie lange man durchhalten muss, um sein Wunschgewicht zu erreichen. Danach gibt es einen neuen Plan mit dem Ziel des Gewichterhalts.

Entscheidet man sich für die Methode Bodykey, bekommt man für den Preis von rund 550 Euro einen Gentest und den Zugang zu einem Online-Ernährungscoaching. Täglich werden dort alle Lebensmittel und Getränke protokolliert. Die Software errechnet die Inhaltsstoffe und die Nährstoffbilanz. Gleichzeitig erinnert der Onlinecoach an die Wiegetermine und die sportlichen Aktivitäten. Rund 5000 Lebensmittel sind dort gelistet. Man kann aber auch anhand der Zutatenliste eigene eingeben und speichern.

Etwa 350 Euro kostet Metacheck. Neben dem Gentest erhält man einen individuellen Ernährungsplan mit Beispielmenüs. Eine dauerhafte Begleitung über die Zeit der Diät und danach gibt es hier nicht.

 

Die Kritiker: Ernährungswissenschaftler Professor Hans Hauner vom Zentrum für Ernährungsmedizin München wird seine Studien auf der Anuga vorstellen. Er hat mit seinem Team zwei Jahre lang Gendatenbanken durchgeschaut, um herauszufinden, ob es bei bestimmten Genen einen Zusammenhang zu Fett- oder Kohlenhydratempfindlichkeiten gibt. Er habe nicht viel erwartet, wie er sagt, dass aber so wenig Übereinstimmung festgestellt wurde, habe selbst ihn überrascht. Aus seiner Sicht taugen die angebotenen Gentests alle nichts. "Die Anbieter picken sich nur heraus, was in ihr Konzept passt", sagt er. Kein Wissenschaftler könne vorhersagen, wie jemand auf eine Diät anspricht. Dazu sei das Thema Übergewicht viel zu komplex. Aus seiner Sicht hängen Hunderte Gene mit der Gewichtsbilanz zusammen, nicht nur so wenige. Doch es sei bisher noch nie nachgewiesen worden, dass bei einer bestimmten risikoreichen Genvariante eine Diät ausreicht, um dieses Risiko zu mindern. "Wir haben bis heute leider keine Möglichkeit, sicher in den Energiestoffwechsel des Körpers einzugreifen. Es wäre schön, doch so ehrlich müssen wir einfach sein", sagt Professor Hauner. Für 350 oder 550 Euro, die so ein Programm koste, könne man sich einen guten Ernährungsberater leisten, der ganz individuell auf die eigenen Bedürfnisse eingeht.

Denn das verstehe er unter personalisierter Ernährung: Die Lebensmittel, die dem Patienten schmecken, in die Diät einzubauen. Das sichere ein langfristiges, vielleicht sogar lebenslanges Durchhalten.

Dr. Albrecht Kobelt, Humangenetiker im Zentrum für Diagnostik am Klinikum Chemnitz, ist ebenfalls skeptisch: "In meiner Arbeit konzentriere ich mich zwar ausschließlich auf die Vererbbarkeit von Krankheiten, verfolge aber die Entwicklungen in meinem Fach sehr interessiert." Die Nutri-Genetik habe Potenzial, sie sei vom Ansatz her schlüssig. "Doch sie ist nicht das Nonplusultra. Denn über die Interaktion der Gene untereinander ist noch viel zu wenig bekannt", sagt er. So hätten die Gene zwar unbestritten Einfluss auf die Verarbeitung der Nährstoffe. Die Ernährung habe aber umgedreht ebenso Einfluss auf die Gene. Sogenannte epigenetische Effekte führten sogar dazu, dass bestimmte Gene regelrecht ausgeschaltet werden. "Es gibt noch Forschungsbedarf", lautet sein Fazit.

 

Die Erfolge: Novogenia-Chef Daniel Wallerstorfer kennt die kritischen Stimmen und betont, dass die von ihm genutzten genetischen Effekte durch unabhängige Wissenschaftler gemessen und bestätigt wurden. Da immer wieder behauptet würde, die Abnahme beruhe nur auf der reduzierten Kalorienzufuhr und dem kontrollierten Essen, habe er selbst eine Untersuchung gestartet. Hinsichtlich der Teilnehmerzahl sei sie zwar nicht repräsentativ, doch liefere sie zumindest Anhaltspunkte: 240 Teilnehmer bekamen zuerst drei Wochen lang eine Diät nach den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Die Probanden führten täglich Buch über ihre Ernährung und ihr Gewicht. Im Schnitt nahmen sie 1,4 Kilogramm ab. Danach folgte eine zweiwöchige Pause, in der normal gegessen werden durfte. Dann begann ein genetisch personalisiertes Abnehmprogramm über drei Wochen. Das Ergebnis: 3,5 Kilogramm im Schnitt - für Wallerstorfer ein Indiz, dass die personalisierte Ernährung eben doch mehr bringe als eine normale Diät nach Schema F.

Pro und Kontra

Die Gen-Diät hat mich bestätigt, sagt die Redakteurin Stephanie Wesely.

Ich habe die Methode Bodykey getestet und erfahren, dass ich gewichtsmäßig stärker auf Fette als auf Kohlenhydrate reagiere. Ich soll also wenig Fett zu mir nehmen, darf aber bei Brot, Nudeln & Co. großzügiger sein. Das freut mich und bestätigt auch mein eigenes Empfinden: Wie so viele Frauen habe auch ich verschiedene Diäten probiert. Am schlechtesten kam ich mit dem Verzicht auf Kohlenhydrate, also mit Low Carb, zurecht. Nach diesen Mahlzeiten fühlte ich mich nicht satt, nicht zufrieden. Warum das so war, weiß ich jetzt - etwas Wichtiges hat mir gefehlt. Deshalb hätte ich die Low Carb Diät auch nie länger durchhalten können.

Für mich ist es gut nachvollziehbar, dass es Kohlenhydrat- und Fett-Typen gibt. Der Gentest ist zwar teuer, hat mich aber bestätigt: Als Kind aß ich nahezu jeden Abend ein mager bestrichenes Butterbrot - viel Butter ekelte mich - und einen Apfel. Mittags reichten Kartoffeln und Gemüse. Fleisch musste extrem mager sein, sonst bekam ich es nicht hinunter. Dafür wurde ich oft gerügt, doch heute weiß ich, es waren die für mich geeigneten Lebensmittel. Denn als Kind isst man intuitiv . Ernährungsempfehlungen interessieren da noch nicht.
Mit dem Coaching von Bodykey gelingt mir auch jetzt als Erwachsene die für mich richtige Ernährung leichter. Einen so schnellen Überblick über die Zusammensetzung der Nahrungsmittel findet man sonst kaum. Auf einen Blick wird anhand der Ampelfarben deutlich, wo es Defizite oder Überversorgung gibt. Doch Regelmäßigkeit ist Bedingung. Nur wer alles akribisch einträgt, profitiert davon. Dafür fehlt mir mitunter noch die Disziplin.

Die Gen-Diät ist mir zu wenig individuell,sagt die Redakteurin Katrin Saft.

Leichter Abnehmen durch Ernährung, die auf meine Gene zugeschnitten ist - das klingt zunächst toll. Doch beim Mundabstrich kommen mir die ersten Zweifel: Wo landet meine DNA-Probe? Was wird damit alles gemacht? Und wie geschützt sind meine Daten wirklich? Eine Recherche im Internet lässt mich hellhörig werden. Hinter Bodykey steckt Amway, eines der größten Direktvertriebsunternehmen der USA. Im teuren Starterset für den Gentest werde ich auch gleich mit den ersten Nahrungsergänzungsmitteln angefüttert - Ballaststoffe und Proteine der Amway-Marke Nutrilite. Solche Mittel erscheinen dann regelmäßig in meinem empfohlenen Ernährungsplan und kosten je nach Einsatz 100 bis 250 Euro im Monat. Viel Geld für weniger Kalorien. Zum Glück lassen sie sich in den Einstellungen abwählen, denn von immer gleich schmeckenden Pulvern und Riegeln halte ich nichts.

Das Ergebnis meines Gentests ist das gleiche wie bei meiner Kollegin: Ich sei fettempfindlich und nehme besonders gut mit intensivem Sport ab. Der Erkenntnisgewinn hält sich in Grenzen. Ich jogge ohnehin regelmäßig und hätte mir eine individuellere Analyse als die Einteilung in drei Ernährungstypen gewünscht.

Das anschließende Online-Coaching wiederum ist das beste, das ich kenne. Alles, was ich esse - und eingebe - wird nach Nährwerten und -stoffen bewertet. Rezepte lassen sich gegen eigene tauschen. Es gibt Videos mit Kraftübungen. Mit einem solchen Programm, das die Kalorienzufuhr in Abnehmphasen auf 1200 kcal begrenzt, kann jeder seine Ernährung optimieren - ganz ohne vorherigen Gentest.

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