"Ich liebe Zeitungen. Aber ..."

Wie sieht der Journalismus der Zukunft aus? Der ehemalige dpa-Chefredakteur Wolfgang Büchner über den Reiz von Papier, Mut zum Risiko und bloggende Senioren.

Chemnitz.

Wer mit Wolfgang Büchner sprechen will, muss kein Vorzimmer überwinden. Man schreibt ihn einfach an, bei Facebook oder Twitter zum Beispiel. In den sozialen Netzwerken ist der Journalist und Medienmanager genauso heimisch wie in den guten alten Printmedien. Der ideale Gesprächspartner also, um über die Herausforderungen der Digitalisierung zu reden. Denn zur Rückschau auf 70 Jahre "Freie Presse" gehört unbedingt auch der Blick in die Zukunft. Sascha Aurich hat Büchner gefragt, was Journalisten heute leisten müssen, damit man sich auch morgen noch für ihre Geschichten interessiert.

Freie Presse: Herr Büchner, wie lesen wir in 20 Jahren?

Wolfgang Büchner: Wir werden auch dann noch Papier in die Hand nehmen. Aber sehr viel stärker dürften wir uns über völlig neuartige mobile Geräte informieren, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können.

Nehmen wir Informationen künftig anders auf?

Die Bedeutung von visuell vermittelter Information wird zunehmen. Virtual Reality und Augmented Reality eröffnen ganz neue Möglichkeiten der Kommunikation. Hinzu kommt: Wir werden immer mehr Geräte steuern, indem wir mit ihnen sprechen. Aber ich glaube nicht, dass Text als Form verschwinden wird - weil es eine gute Möglichkeit ist, viele Informationen schnell und konzentriert aufzunehmen.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Papier?

Ich liebe Zeitungen, ich liebe Magazine. Ich bin ja selbst kein "Digital Native" (jemand, der in der digitalisierten Welt aufgewachsen ist, Anm. d. Red.), ich bin "Digital Immigrant". Ich habe meine journalistische Laufbahn bei der Lokalzeitung in meiner Heimatstadt begonnen. Und ich finde es immer noch großartig, eine Zeitung in die Hand zu nehmen oder mich mit einer Zeitschrift aufs Sofa zu setzen. Das hat nach wie vor eine ganz besondere, auch haptische Qualität. Aber ich muss zugeben, dass ich für die schnelle Information wie viele andere zuerst auf Twitter, Facebook oder Nachrichtenseiten im Internet schaue.

Warum macht Ihnen persönlich der neue, digitale Journalismus so viel Spaß?

Mich hat schon immer interessiert, wie diese neuen Kommunikationswerkzeuge den Journalismus verändern und welche neuen Chancen und Ausdrucksformen das mit sich bringt. Wie nah wir unser Publikum mit der entsprechenden Technik inzwischen an die Orte des Geschehens bringen können, wie emotional wir Situationen darstellen können - Journalisten haben heute völlig neue Möglichkeiten.

Youtube, Twitter, Snapchat - machen Sie das alles mit?

Ganz wichtig ist es für mich, immer wieder auf den großen Konferenzen, die sich mit diesen Dingen beschäftigen, dabei zu sein. Und natürlich muss man die Dinge ausprobieren. Man kann sie ja auch wieder verwerfen. Wir Journalisten täten gut daran, in dieser Hinsicht viel flexibler zu werden.

Was sind denn gerade die wichtigsten Apps auf Ihrem Smartphone?

Soll ich mal in den Einstellungen nachschauen, was ich am häufigsten nutze? Ich würde wetten, es sind Whats-App, Twitter und die App des "Blick", für den ich arbeite.

Und Ihr Lieblingsressort in der gedruckten Zeitung?

Ganz klassisch. Ich bin ein Mensch, der sich für die großen gesellschaftlichen Themen interessiert, und die finden sich nun mal meist in Politik und Wirtschaft.

Die Digitalisierung hat unser ganzes Leben und damit auch den Journalismus enorm beschleunigt. Welche Qualitäten muss denn Ihrer Ansicht nach ein guter Journalist heute haben?

Keine völlig anderen als früher. Eine Geschichte gründlich recherchieren, alle wichtigen Fakten haben, und das Ganze dann auf eine großartige Weise erzählen - das ist die Grundvoraussetzung für alles andere. Und wenn wir keine starken Redaktionen und tolle Reporter und Redakteure haben, die das können, können wir uns die ganze Digitalisierung auch sparen. Denn diese ist ja kein Selbstzweck. Zuerst brauchen wir erstklassige journalistische Produkte, die dann eben anders gestaltet und anders verbreitet werden müssen. Deswegen ist neben den klassischen journalistischen Tugenden wichtig, dass man in den sozialen Medien zu Hause ist. Für einen guten Redakteur darf Snapchat heute kein Buch mit sieben Siegeln mehr sein. Genauso wie man vor fünf Jahren auch schon gewusst haben sollte, was Twitter ist. Ich erwarte, dass die Kollegen offen und neugierig bleiben. Das ist schließlich eine Grundtugend des Journalismus, dass wir uns gerne Neuem zuwenden. Das gilt eben auch für neue Werkzeuge, die es in der digitalen Welt gibt.

Sind technische Kenntnisse inzwischen genauso wichtig wie die Fähigkeit, eine lange Reportage zu schreiben?

Das klingt so, als ob Sie mich vor 30 Jahren gefragt hätten, ob man als Journalist auch eine Schreibmaschine bedienen können muss. Es gibt heute eben neue, ganz andere Fähigkeiten, die zu diesem Beruf gehören. Ein Smartphone bedienen zu können und zwar mit allen zentralen Apps, das ist eine Grundvoraussetzung. So wie man vor 20 Jahren erwartet hat, dass er das Redaktionssystem auf seinem Computer beherrscht oder bei einer Nachrichtenagentur den Ticker bedienen kann. Journalismus war noch nie entkoppelt von der Technologie, mit der er verbreitet wurde. Heute spielt das eine noch größere Rolle. Die Werkzeuge waren aber auch noch nie so leicht zu bedienen. Wenn ich da an meine Anfänge bei der Nachrichtenagentur Reuters denke: Es war so kompliziert, das System zu steuern. So etwas ist heute sehr viel leichter.

Was hat eigentlich der Rentner aus dem Erzgebirge davon, wenn sich ein "Freie Presse"-Redakteur in der Chemnitzer Bloggerszene auskennt?

Im Zweifel beschäftigen sich die Blogger einer Region eben mit den Themen, die dort wichtig sind, auch für den Rentner. Ein Journalist muss immer Teil des öffentlichen Gesprächs sein - und die Bloggerszene ist Teil des öffentlichen Gesprächs. Das gehört für eine Zeitung zum täglich Brot. Auch für den von Ihnen angesprochenen Rentner ist es ein großer Wert, wenn seine Zeitung wach ist und alles Wichtige mitbekommt. Und im Zweifel ist der Rentner schon jetzt oder in Zukunft selber ein Blogger.

Sie hatten beim "Spiegel" eine harte Zeit, als Sie versuchten, das gedruckte Magazin und die digitalen Angebote besser miteinander zu verzahnen. Auch in anderen Medienhäusern knirscht es bei diesem Prozess gewaltig. Tun sich Journalisten mit Veränderungen besonders schwer?

Ja, das ist ein Paradoxon. Journalisten beschreiben oft hellsichtig den Innovationsstau in anderen Branchen, tun sich aber selbst oft besonders schwer damit, sich auf neue Arbeitsweisen und Kommunikationsmittel einzulassen. Es bleibt uns aber nichts anderes übrig, wenn unsere Veröffentlichungen auch künftig in der Öffentlichkeit eine Rolle spielen sollen.

Was ist der wichtigste Ratschlag, den eine moderne Regionalzeitung mit Blick auf die Zukunft beachten sollte?

Ich maße mir nicht an, anderen Ratschläge zu geben. Am wichtigsten erscheint mir, dass es uns auch in Zukunft gelingt, junge Menschen für den Journalismus zu begeistern. Dass auch künftig kluge Köpfe hinter den Zeitungen, Webseiten und Apps sitzen, die wir produzieren.

Zum Spezial 70 Jahre "Freie Presse"

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...