Bronze in Rio - Chemnitzer Turnszene steht kopf

Der Medaillengewinn von Sophie Scheder bei den Olympischen Spielen hat teils euphorische Reaktionen ausgelöst. Was könnte dies für die Sportart in der Stadt bedeuten?

Lisa Schöniger gehört zu den Nachwuchshoffnungen des Chemnitzer Turnsports. Am späten Sonntagabend saß sie mit annähernd 15 Vereinskameradinnen des TuS Altendorf vor dem Fernseher, als ihre Trainingsgefährtin Sophie Scheder in Rio de Janeiro beim Einzelfinale an den Stufenbarren trat. "Ich habe angespannt zugeschaut und so sehr gehofft, dass es zu einer Medaille für sie reicht", berichtete die 14-Jährige gestern.

Als Bronze feststand, "haben wir losgeschrien, und bei einigen liefen die Tränen", ergänzte Lisa. Sophie Scheder sei bisher schon ihr Vorbild gewesen. "Jetzt ist sie noch eine Stufe höher gerückt", sagte das Talent. Sie habe keinerlei Bedenken, dass Sophie Scheder nach diesem großen Erfolg abhebt. "Sie wird hilfsbereit und eine gute Freundin bleiben", betonte die junge Turnerin.

Auch Helene Schäfer fieberte bei der Übertragung mit. "Wir waren alle sehr aufgeregt. Es ging ja um was Großes", sagte die 15-Jährige. Sie habe sich sehr für Sophie Scheder gefreut. "Unglaublich, was sie geleistet hat. Ihre Bronzemedaille gibt uns zusätzliche Motivation", so Helene Schäfer, die wie Lisa Schöniger auf Olympia 2020 in Tokio hinarbeitet. "Dort werden wir beide auf jeden Fall dabei sein", kündigte Helene an. Bei allem Jubel über die Medaille von Sophie Scheder litt sie in den vergangenen Tagen mit ihrer großen Schwester Pauline Schäfer, die in Rio die Finals am Schwebe- balken und am Boden verpasste. "Das war sehr ärgerlich, wenn man bedenkt, mit wie viel Schweiß und Tränen sie für dieses Ziel trainiert hat", sagte Helene Schäfer.

Angenehmen Stress hatte gestern Frank Munzer. Der Unternehmer und Präsident des TuS Altendorf war nach seinem Urlaub den ersten Tag im Büro. Zum Arbeiten kam er kaum. "Ständig gehen E-Mails und Anrufe mit Glück- wünschen ein", berichtete Munzer. Vor lauter Freude und Stolz über die Medaille von Sophie Scheder platze ihm fast das Hemd, bemerkte der Vereins-Chef. Als er am Sonntagabend vor dem Fernseher saß und die Turnerin zu ihrer Übung schritt, habe er ein gutes Gefühl gehabt. "Ich sah an ihrem Gesichtsausdruck, dass sie in sich ruhte, und dachte: Sie schafft das", sagte Munzer.

Auch Pauline Schäfer sprach er ein Kompliment aus. "Sie hat ihr Bestes gegeben. Eine Finalteilnahme am Schwebebalken oder Boden wäre die Krönung gewesen", erklärte der Unternehmer. So aber habe Sophie Scheder das i-Tüpfelchen gesetzt. "Sie überzeugt auch durch ihre weibliche Ausstrahlung und Eleganz", betonte Munzer, der zur Feier des Tages eine gute Flasche Rotwein geöffnet hatte. "Ich war auf Wolke sieben - und bin es immer noch", sagte der Altendorfer Präsident gestern.

Nach der ersten Olympia-Medaille für die Sportart in der Chemnitzer Sportgeschichte steht zumindest die Turnszene der Stadt kopf. Auch Hans Müller, Manager des Bundesstützpunktes Kunstturnen im Sportforum, war gestern noch aus dem Häuschen. "Mein Puls lag bestimmt über 200, als die Übung von Sophie Scheder übertragen wurde", sagte Müller. Die 19-Jährige habe unglaublich viel Nervenstärke bewiesen und die Gunst der Stunde genutzt. "Hochachtung vor dieser Leistung und vor dem, was ihre Trainerin Gabi Frehse in der Vorbereitung geleistet hat. Ich bin wahnsinnig stolz auf dieses Abschneiden", betonte Müller. Der Medaillengewinn von Sophie Scheder, aber auch die Auftritte von Pauline Schäfer und Andreas Bretschneider hätten eine gute Basis für die weitere Arbeit am Chemnitzer Bundesstützpunkt gelegt. "Schließlich haben alle drei Sportler angekündigt, bis zu den Sommerspielen in vier Jahren in Tokio weiterzumachen", sagte der Turn-Manager.

Das starke Abschneiden in Rio könnte auch mehr Geldzuwendungen nach sich ziehen. Laut Müller besteht die Hoffnung, dass der Chemnitzer Stützpunkt in die sogenannte Spitzenförderung aufgenommen wird. Dies würde mehr finanzielle Zuschüsse vom Bund bedeuten.

In dieser Hinsicht trat Thomas Weise ein wenig auf die Euphoriebremse. "Unstrittig ist, dass der Bundesstützpunkt im Kunstturnen in Chemnitz nach diesen Ergebnissen erhalten bleibt", sagte der Leiter des Olympiastützpunktes Chemnitz-Dresden. Er verwies jedoch auch auf die anstehende Leistungssportreform in Deutschland, deren Inhalte in Arbeitsgruppen beraten und noch unter der Decke gehalten werden. "Am 19. Oktober soll etwas verkündet werden", so Weise, der sich ebenfalls begeistert vom Auftritt Sophie Scheders zeigte: "Ich war überwältigt von dieser tollen Übung."

Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig verwies unterdessen darauf, dass die Altendorfer Turnerin das beste deutsche Olympia-Ergebnis am Stufenbarren seit 28 Jahren erzielt hat. "Meinen herzlichen Glückwunsch zu diesem Erfolg! Ich bin ganz sehr stolz und habe mich für Sophie riesig gefreut. Und es war beste Werbung für Chemnitz, denn der Name unserer Stadt ging so um die Welt", erklärte die OB. Sie wünsche Sophie Scheder noch ein paar schöne Tage in Rio. "Wir freuen uns darauf, ihr bald in Chemnitz einen tollen Empfang zu bereiten", fügte Ludwig hinzu.

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