FCK-Legenden von Empfang überwältigt

Mehr als 1000 Fans haben gestern die Meisterspieler genau 50 Jahre nach deren großen Triumph hochleben lassen. Dabei sind auch Tränen geflossen.

Gestern, 9.45 Uhr auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofs: Obwohl es noch knapp eine Stunde dauern wird, bis die Meisterspieler des FC Karl-Marx-Stadt auf den Tag genau 50 Jahre nach ihrem Triumph mit einer historischen Straßenbahn eintreffen werden, haben sich schon fast 300 Besucher eingefunden. Sie tragen FCK-Jacken, FCK-Schals, FCK-Mützen und teils FCK-Socken - FCK-Symbole, wohin das Auge blickt.

Auch "Manolo" Jürgen Kurzbach ist schon da. Der Cheftrommler der Himmelblauen hat zu den Meisterhelden von 1967 eine besondere Beziehung. "Das ist Gänsehaut pur. Heute vor 50 Jahren war ich als 15-Jähriger dabei, als die Mannschaft nach ihrem Sieg bei Hansa Rostock hier am Hauptbahnhof empfangen wurde", erzählt Kurzbach. Eigentlich wollte er damals selbst mit nach Rostock fahren. "Aber meine Eltern haben mir das nicht erlaubt. So bin ich mit ein paar Kumpels zum Bahnhof gefahren, um die Spieler zu begrüßen", sagt der 65-Jährige rückblickend. Dass die Meister-Elf auf Initiative der Ultra-Szene Karl-Marx-Stadt und des Vereins Fanszene Chemnitz 50 Jahre später auf besondere Weise gewürdigt wird, findet er klasse: "Ich war happy, als ich davon gehört habe."

Auch Heinz Oder wartet aufs Meisterteam, das 10 Uhr vom Museumsbahnhof in Kappel gen Hauptbahnhof losgefahren ist. Dem 81-Jährigen steigen die Tränen in die Augen, wenn er sich an den 7. Mai 1967 erinnert. "Auch ich bin beim Empfang der Spieler dabei gewesen, habe Fritz Feister auf meinen Schultern durch die Bahnhofshalle getragen. Das vergesse ich bis an mein Lebensende nicht", sagt Oder.

Inzwischen ist der Bahnhofs- vorplatz fast voll mit Menschen. "Es geht los", ruft ein Einpeitscher, der sich auf dem Dach eines Wartehäuschens platziert hat, durchs Megaphone. 10.40 Uhr rollt die alte Straßenbahn der Chemnitzer Verkehrs AG heran. Die Mienen der 67er-Spieler verraten schon: Mit solch einem Auflauf hätten sie nicht gerechnet. "Heja, heja FCK", ruft die Menge, und junge Damen gehen auf die Altmeister zu, um ihnen Blumensträuße zu überreichen. Die ehemaligen Fußballer besteigen anschließend eine Kremserkutsche, wobei eines der beiden Pferde wenig Respekt vor den reifen Herren zeigt und seinen Darm entleert.

Danach beginnt er, der Meistermarsch. Die Titelträger fahren in der Kutsche vorweg, gefolgt von reichlich 1000 Anhängern des Chemnitzer FC, die ihr gesamtes Repertoire an Schlachtrufen und Fangesängen zum Besten geben. Der Pulk bewegt sich über die Straße der Nationen sowie die August-Bebel-, Palm- und Heinrich-Schütz-Straße zum Stadion. Auf dem Fahrrad fährt Wilfried Metzler die Strecke mit. Er ist aus Lengenfeld im Vogtland gekommen, um die Ehrung der "67er" mitzuerleben. "Früher habe ich in Niederdorf bei Stollberg gewohnt und mir einige Spiele des FCK angeguckt, auch in der Meistersaison", erzählt Metzler. Seine Lieblingsspieler seien Fritz Feister und Eberhard Vogel gewesen. "Feister war ein deckungsstarker Spieler mit zugleich großen technischen Fähigkeiten. Und Vogel zeichnete sich durch seine Dribbelstärke und Schnelligkeit aus. Er ist auf der linken Seite allen Gegenspielern davongerannt", berichtet der 78-Jährige.

Inzwischen ist es 11.45 Uhr. Die Kremserkutsche hält vor der Community4you-Arena. Als einer der Ersten steigt Eberhard Schuster aus. "So einen Empfang hätte ich nicht erwartet. Das war ein Erlebnis - Wahnsinn!", lautet der spontane Kommentar des Rechtsaußen der 67er-Meistertruppe. Er habe vorher lediglich von der Straßenbahn- und Kutschfahrt gewusst, aber nichts von dem enormen Fan-Interesse.

Noch können sich die Herren nicht in den VIP-Bereich des Stadions zurückziehen. Denn jetzt heißt es, auf dem Parkplatz vor der Arena noch unzählige Autogramm- und Fotowünsche zu erfüllen. Zuvor greift Fritz Feister zum Megaphone und bedankt sich im Namen der Mannschaft für den überwältigenden Empfang. "Wir freuen uns, dass solche Massen gekommen sind", ruft der 74-Jährige. Im Gespräch mit der "Freien Presse" ergänzt Feister dann noch: "Einen Empfang dieser Qualität hatten wir nicht mal 1967 nach unserem Titelgewinn."

Ernster wird seine Miene, wenn es um die derzeitige Situation des CFC geht. "Ich mache mir schon Sorgen", sagt Feister. Die Mannschaft gehöre nicht ins Mittelfeld. "Ich hatte mir gewünscht, dass sie oben mitspielt." Hinzu komme die finanzielle Krise, "die ich nicht nachvollziehen kann. Man steckt da nicht drin", so Feister. Ab 14 Uhr schaut er sich mit seinen Gefährten von der Haupttribüne aus das Drittliga-Spiel CFC gegen Preußen Münster an. Die Gastgeber schaffen es nicht, das Meisterschaftsjubiläum des Clubs zu versüßen, lassen sich stattdessen mit 0:3 abschießen. Feister, Vogel und Co können sie den Tag damit aber nicht mehr verderben.


Kommentar: Ein wenig Balsam

Wenn die Gegenwart so trostlos ist, dass man es kaum noch ertragen kann, gehen die Gedanken öfter denn je zurück - an erfolgreiche Zeiten, an sportliche Idole und an einen Club, in dem an einem Strang gezogen wurde. Insofern war die gestrige Aktion zur Ehrung der FCK-Meisterelf von 1967 ein wenig Balsam für die geschundenen himmelblauen Fußball-Seelen der Neuzeit. Der Chemnitzer FC hat es binnen weniger Monate geschafft, vom wichtigen Marketingfaktor zum Problemfall dieser Stadt zu werden. Die Außendarstellung des Vereins ist eine Katastrophe, hinter den Kulissen toben Grabenkämpfe. Sven Köhler, ein verdienstvoller Ex-Spieler, wird als Cheftrainer von den Führungsgremien wie ein dummer Schuljunge behandelt und im Unklaren über seine Zukunft gelassen. Dabei könnte der Club die schwere Krise nur überwinden, wenn er im Geiste der 67er-Mannschaft handeln und die Reihen endlich schließen würde. Doch die Hoffnung darauf ist leider nur gering.

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