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Fast 10.000 Besucher bei der Chemnitzer "Mach was!"-Messe: Wie angle ich mir einen Auszubildenden?

Die Suche nach den Fachkräften von morgen wird immer schwieriger. In Chemnitz bot die Ausbildungs- und Studienmesse "Mach was!" nun reichlich Gelegenheit fürs Sehen und Gesehenwerden.

Chemnitz.

Chemnitz - Fast 10.000 Besucher, zufriedene Aussteller sowie mit reichlich Informationen über mögliche Berufswege beinah übersättigte junge Leute: Die Bilanz der vom "Freie Presse"-Herausgeber Chemnitzer Verlag und Druck sowie der Veranstaltungsagentur C3 organisierten Ausbildungs- und Studienmesse "Mach was!" am Wochenende in Chemnitz ist überaus positiv ausgefallen. Von einer "sensationellen Messe und einem vollem Erfolg für alle Beteiligten" sprach Organisatorin Jeanette Perske. Gut 175 Aussteller aus Südwestsachsen und darüber hinaus hatten ihre Ausbildungsangebote vorgestellt, dazu gab es ein attraktives Rahmenprogramm.

Einmal mehr zeigte die Messe auf: Ausbildungsfirmen rollen dem potenziellen Berufsnachwuchs von morgen längst den roten Teppich aus. Vorbei die Zeiten, da sich Unternehmen aus vielen Bewerbungen die vermeintlich besten herauspicken konnten. "Früher war ein Ausbildungsplatz fast schon Goldstaub", sagt Jens Reinhardt, Bauleiter und Ausbilder bei der Chemnitzer Niederlassung von BUG Verkehrsbau Chemnitz. "Heute laufen die Unternehmen den Azubis hinterher." Für Jens Reinhardt ist das keine ganz leichte Aufgabe. "Es gibt ja Berufe, die sind ein bisschen verpönt", sagt er. "Bauberufe gehören leider dazu." Wie er dem begegnet? "Aufklärungsarbeit." Reinhardt meint damit: Vorurteile über die Arbeit auf der Baustelle abbauen. Das Unternehmen hat seinen Messeauftritt dafür akribisch geplant. Der Stand mit den giftgrünen Farben fällt auf. Reinhardt und seine Kollegen tragen ebenso giftgrüne T-Shirts. Das Granulat, dass mithilfe eines Modellbaggers von einer Kuhle in eine andere bugsiert werden kann, ist ebenso grün. Auf einem Bildschirm läuft ein Imagefilm in professioneller Aufmachung. E-Mail-Adressen und Telefonnummern der Interessenten werden notiert, um in Kontakt zu bleiben. Aus Berlin ist extra Marian Thomas angereist, einer der beiden Vorstände der 700 Mitarbeiter zählenden Gruppe.


Junge Leute wollen Kreativität im Beruf

Es ist für die Firmen ein Sehen und Gesehenwerden. "Du musst dich zeigen", sagt Jenifer Kecke, Vertriebsmitarbeiterin bei Holz Thalhofer in Chemnitz. "Du musst verschiedene Wege aufzeigen." Auf der "Mach was!"-Messe, sagt sie, funktioniert das gut. "Große Arbeitgeber wie VW oder Siemens kennt jeder. Kleine Firmen bekommen hier eine coole Gelegenheit, dass man sie kennenlernen kann." Holz Thalhofer hat Ausbildungsplätze etwa für Lagerlogistiker sowie für Kaufleute im Groß- und Außenhandel im Angebot. "Junge Leute wollen im Beruf heutzutage viel Kreativität", beobachtet Jenifer Kecke. An ihrer Seite: Christian Artzig, selbst Azubi im dritten Lehrjahr als Groß- und Außenhandelskaufmann. "Ich habe mich schon immer sehr für Holz interessiert", erzählt er. "Leider werden mir zwei linke Hände nachgesagt", ergänzt Artzig und lacht. "Da verkauf ich das Holz lieber." Bei der Messe kann er aus erster Hand mit möglichen Bewerbern reden, die sich vielleicht noch nicht recht trauen, die Chefs anzusprechen. Schon nach kurzer Zeit sind er und Jenifer Kecke einig: Es läuft gut auf der "Mach was!"-Messe. "Wir haben schon viele nette Gespräche geführt", sagt sie. "Und viele gute."

Diese Erfahrung teilt sie mit den meisten Ausstellern. Die Stände sind umlagert, die Gänge teils dicht gefüllt. Vorm Stand für kostenlose Bewerbungsfotos vom Profi im Foyer steht praktisch ständig eine Schlange. Auch die Vorträge im Rahmenprogramm, bei denen es etwa um Körpersprache geht, um Stipendien, um E-Sport oder Wege in den Journalismus, sind gut besucht. "Viele junge Menschen haben heutzutage den Eindruck, jeder kann seinen Lebensunterhalt übers Internet verdienen", sagt Nina Heiße von der Friseur- und Kosmetik-Innung Chemnitz. "Es ist schön, dass sie hier einmal einen Überblick bekommen." Um dem Fachkräftemangel zu begegnen, betreibt die Innung ein eigenes Bildungszentrum. Das bietet Umschulungen ebenso wie Weiterbildungen und Meisterkurse.


Problemfall Montage

Beim BUG Verkehrsbau haben sich inzwischen Jessica und Finn Ole Weidelt sowie Marko Mierendorf aus Theuma im Vogtland eingefunden. Finn Ole, 9. Klasse, will zum Bau. Die kleine Familie hat sich schon im Vogtland informiert. Aber man kann ja auch mal über den Tellerrand schauen, findet Mama Jessica Weidelt. Also holen Reinhardt und seine Kollegen die Mappe mit den großformatigen Bildern hervor, die die vielen Baustellen zeigen. Die sind in ganz Deutschland. Das ist ein Problem. "Viele junge Leute wollen nicht mehr auf Montage", sagt Büromitarbeiterin Anna Salbut. "Wir müssen den Beruf erlebbar machen", sagt Jens Reinhardt. "Er ist jeden Tag anders." Schwere Arbeit gehört dazu, aber im Mittelpunkt steht moderne Technik. Und die Entwicklungsmöglichkeiten gibt es auch auf dem Bau. "Ich habe auch einmal als einfacher Geselle angefangen", erklärt Jens Reinhardt einem Papa. Nun ist er Meister, Bauleiter, Ausbilder. Die konjunkturelle Unsicherheit sorgt ihn kaum. "Infrastruktur muss immer erhalten bleiben."

Finn Ole Weidelt und seine Familie bleiben lange am Stand von BUG stehen. "Es ist schön zu sehen, dass die Firmen so interessiert sind an der Jugend", sagt Jessica Weidelt. Und ihr Partner Marko Mierendorf scherzt: "Bei dem Angebot möchte man glatt noch mal jung sein. Da könnte man vielleicht noch mal etwas ganz anderes machen." Wer das ähnlich empfindet, kann den Termin für die nächste "Mach was!"-Messe am 9. und 10. September 2023 ja schon mal im Kalender vormerken.

www.mach-was-sachsen.de

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33 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 8
    0
    ChrWtr
    09.10.2022

    Fachkräftemangel fängt bereits mit der Schulausbildung an. An der Bildungsmisere sind jedoch nicht nur die Lehrer schuld. Problematisch wird es, wenn die Bereitschaft fehlt, überhaupt etwas zu lernen, sich zu bilden, sich zu engagieren. Passiert leider allzu häufig.

    Und was den Plenarsaal angeht, gibt es leider viel zu viele Kadetten, die offenbar sehr oft schulisch abwesend waren, dafür quatschen können.

    Das betrifft im Übrigen alle Fraktionen im Plenum.

  • 14
    6
    Malleo
    08.10.2022

    Vor Jahren traf ich eine
    "Finanzfachfrau" auf einer Alm in der Schweiz, die den alten Beruf an den Nagel hängte.
    Warum, fragte ich.
    Die Zeit wird kommen, wo Leute begreifen, dass man von USB Sticks nicht satt wird und das Internet nicht die Heizung repariert.
    Wir sind an dieser Zeitenwende sehr nah dran!!
    Traumberuf Journalist.
    Stimmt, allerdings behaupten böse Zungen, dass jene, die NUR Jurnalismus studieren, hinterher Fachmann oder - frau für NICHTS sind.
    Am erfolgreichsten ist der Dreiklang Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal.
    Das Ergebnis erleben wir jeden Tag, eingeschlossen die mediale Begleitung.

  • 18
    1
    Bautzemann
    08.10.2022

    Die Suche nach den Fachkräften von morgen wird immer schwieriger, das ist sicher richtig, aber nur die halbe Wahrheit. Beginnt der Fachkräftemangel nicht bereits bei der Auswahl der Kinder zum Gymnasium? 4-Klässler werden schon in Richtung Abi und Studium getrimmt. Warum? Weshalb kommen bei den Handwerksbetrieben nach 9 oder 10 Schuljahren junge Menschen an, die erhebliche Mängel in naturwissenschaftlichen Fächern und Deutsch aufweisen. Ist es der deutschlandweite Mangel an Lehrern mit Unterrichtsausfall in schwindelnder Höhe? Ist das Bildungssystem in Deutschland noch in der Lage für ausreichenden Fachnachwuchs zu sorgen, oder ist es grundlegend zu reformieren? Eines ist sicher. Diese Messe ist Gold wert und bietet vielen jungen Menschen Aussichten und Perspektiven in eine ordentliche Ausbildung. Und wer dann noch später seinen Meister in seinem Fach wird, ist allemal besser dran als mit schlechtem BWL oder Politikabschluss. Solche Messen sollten in jeder Kreisstadt Nachahmer finden