Frischemarkt-Chefin bangt wegen Sperrungen um Existenz

Seit Jahren wird in Thermalbad Wiesenbad immer wieder gebaut. Was gut ist für die Infrastruktur, stellt für Heike Nestler ein wirtschaftliches Problem dar. Eine mehrwöchige Zwangsschließung verschärfte alles. Nun appelliert sie an die Einwohner - und fordert vom Land eine Entschädigung. Doch was muss ein Unternehmer hinnehmen?

Thermalbad Wiesenbad.

Heike Nestler ist eine von den Unternehmerinnen, die noch richtig mit anpacken. Einmal sei ein Vertreter in ihren Einkaufsmarkt gekommen, als sie gerade Gemüse ins Regal schlichtete. "Ich will zum Chef", sagte der Vertreter. "Ich bin der Chef", sagte Heike Nestler. Diese kleine Begebenheit zeigt, wie sehr der Herolderin, die 19 Mitarbeiter und einen Azubi beschäftigt und derzeit drei Verkaufsstellen betreibt, ihr Geschäft am Herzen liegt. "Das ist mein Leben, ich habe es mir mit meinen Mitarbeitern aufgebaut", sagt die 50-Jährige. Doch dieses Lebenswerk wähnt sie in Gefahr. Langjährige Straßenbauarbeiten und eine erzwungene Schließzeit hätten sie an den Rand des Ruins gebracht, sagt Heike Nestler. Gehen in den Frischemärkten Nestler in Thermalbad Wiesenbad und Herold sowie im Laden am Campingpark Greifensteine bald die Lichter aus?

In einem Fall tun sie das mit Sicherheit: Spätestens bis zu den Oktoberferien will Heike Nestler den kleinen Markt am Geyrischen Teich schließen. Denn bis auf eine Aushilfe schmeißt sie den Laden dort allein - das zehrt an den Kräften. "Ich hatte seit 21. März nicht einen Tag frei", erzählt sie. Ware bestellen, einräumen, ausräumen, Lieferscheine abrechnen, Rechnungen buchen und natürlich der Verkauf - all das und mehr gilt es für sie zu erledigen. Seit sie die Verkaufsstelle im April 2017 übernommen hat, beginnt ihr Arbeitstag morgens um 5 und geht bis weit in die Abendstunden - zusätzlich muss sie zuhause am Rechner noch Papierkram erledigen. Doch Heike Nestler sagt auch: "Wenn ich Geyer - aufgrund der Sperrung - nicht zusätzlich gemacht hätte, gäbe es uns nicht mehr."

Denn seit sieben Jahren plagen den Markt in Wiesenbad größere oder kleinere Sperrungen wegen Straßenbaumaßnahmen. Im Oktober 2010 hatte die gelernte Textilfacharbeiterin den damaligen Simmel übernommen. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie schon lange Erfahrung im Einzelhandel als Markt- und Bereichsleiterin bei Peter Simmel gesammelt. Als 2011 der einzige Einkaufsmarkt in ihrem Heimatort geschlossen werden sollte, entschloss sie sich, auch diesen zu betreiben. "Es ist mir wichtig, diese Einrichtungen für den ländlichen Raum zu erhalten", erklärt die Unternehmerin. Doch diese sind jetzt in Gefahr. Denn eine erzwungene zweimonatige Schließzeit im Juni und Juli brachte sie in existenzielle Nöte, wie die Geschäftsfrau sagt. Die Baustelle auf der B 101 machte Lieferungen unmöglich. "Die Schließung hat mich tief ins Minus rutschen lassen." Und die Jahre zuvor haben finanziell ihre Spuren hinterlassen, denn es blieben die vielen Pendler weg, die auf der Durchfahrt zum Einkaufen anhielten. Der über die Bauzeit um etwa die Hälfte verringerte Umsatz ist nicht das einzige Problem, es sinkt auch der Warenumschlag. Das hat zur Folge, dass öfter Lebensmittel, die dann vor dem Ablaufdatum stehen, teils unter dem Einkaufswert verkauft werden müssen. Als Konsequenz musste Heike Nestler das Sortiment kürzen - was wiederum Kunden verschreckt. Ein Teufelskreis.

Was die Herolderin zudem ärgert, sind böse Anrufe während der Schließzeit, ob sie denn nicht an die Bevölkerung denke. "Das sind die Leute, die dann wegen der Milch nach Annaberg ins Kaufland fahren", sagt Heike Nestler. Sie appelliert an die Thermalbad Wiesenbader, mehr in der eigenen Gemeinde einzukaufen. Denn nicht nur für die Einwohner selber, sondern auch für die Kurgäste wäre es nicht schön, wenn es diese Möglichkeit nicht mehr gäbe.

Die kommenden Wochen werden entscheiden, wie es mit den Lebensmittelmärkten weiter geht. Heike Nestler hat beim Landesamt für Straßenbau und Verkehr (Lasuv), das für den Bau der B 101 zu ständig ist, einen Antrag auf Entschädigung gestellt. Auf Anfrage von "Freie Presse" sagt Behördensprecherin Isabel Siebert, dass jeder Anlieger von Straßen profitiere und daher auch gewisse Einschränkungen zu akzeptieren habe. "Grundsätzlich muss ein Betrieb für gewisse Zeit baulich bedingte Einschränkungen im Hinblick auf seine Erreichbarkeit hinnehmen, dies zum Teil sogar über mehrere Wochen oder Monate", so Siebert. Für einen Entschädigungsanspruch muss etwa für längere Zeit die Zufahrt unterbrochen sein, sodass die Existenz des Antragstellers gefährdet ist. Ob diese Voraussetzungen vorliegen, müsse in jedem Einzelfall geprüft werden.

Heike Nestler hofft indes auf eine schnelle positive Antwort. Das Ganze hat in ihren Augen auch eine moralische Komponente. Die Bauern, argumentiert sie, sollen Nothilfen erhalten. Warum nicht auch ein Lebensmittelhändler, der die Bewohner kleiner Orte auf dem Land versorgt? Zeit zum Spekulieren, was passiert, wenn sie keinerlei Unterstützung erhält, bleibt ihr nicht. "Im September kommt die Weihnachtsware. Die muss ich im Voraus bezahlen."

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