Warum Studenten ans Altern denken

Angehende Textildesigner in Schneeberg haben sich dem Thema Demenz zugewendet. Und Produkte entwickelt, die helfen, der Krankheit zu begegnen. Ein Einsatzort ist schon gefunden.

Schneeberg.

Jördis Senf, Linda Frenschock und Anne Hager sind 21, 29 beziehungsweise 31 Jahre alt. Weit entfernt also davon, einen Gedanken an Altersgebrechen zu verschwenden. Aber sie haben es getan. Die Studenten der Fachrichtung Textildesign an der Fachhochschule für Angewandte Kunst in Schneeberg haben in ihrem sechsten Semester Produkte entwickelt, die das Erinnerungsvermögen und die motorischen Fähigkeiten von Pflegebedürftigen, wie Demenzkranken oder Schlaganfallpatienten, anregen und trainieren sollen.

Ein erster Einsatzort ist schon gefunden: das Pflegeheim der Volkssolidarität "Zum Tuchmacher" in Crimmitschau, das am 1. Oktober in Betrieb gehen soll. Leiterin Daniela Seidel setzt auf den "unkonventionellen Blick der Studierenden, den sie haben, weil sie nicht täglich mit der Pflege zu tun haben". Für die Studentinnen war das Thema tatsächlich Neuland. "Ich habe mich noch nie mit Demenz auseinandergesetzt", sagt Linda Frenschock.


Um ein Gefühl dafür zu bekommen, haben die Studentinnen Pflegeheime aufgesucht, mit Personal und Betroffenen gesprochen und die Produkte mit Pflegebedürftigen erprobt. Linda Frenschock hat dabei erfahren, dass die meisten alten Menschen nicht oder nur unsicher laufen können. Einen Barfußpfad, densie entwickelt hat, kann man deswegen auch im Sitzen ausprobieren. Sie hat dafür unter anderem Korken, runde, in Filz eingelassene Glassteine und große Wollbommel verarbeitet. Die Materialien sollen verschiedene Reize ansprechen. "Es wird als angenehm empfunden", freut sie sich.

"Bei diesen Produkten geht es nicht nur um Design, sondern auch um therapeutische Funktionen", beschreibt Studiengangsleiter Professor Jörg Steinbach die Herausforderung an seine Studenten. Zu beachten war noch mehr: Die Objekte müssen gut erklärbar, einfach zu reinigen und feuersicher sein und dürfen keine Teile haben, die leicht verschluckbar sind. Auch die Farbwahl ist wichtig, weil bestimmte Farbkombinationen Aggressionen bei manchen Patientengruppen hervorrufen können. Der Stadtverband Chemnitz der Volkssolidarität, der das neue Pflegeheim betreibt, hat das Projekt auf der Grundlage eines Kooperationsvertrages mit der Hochschule unterstützt. Besonders ein Puzzle-Spiel, das Jördis Senf entwickelt hat, hat den Stadtverband beeindruckt, weil es zum Kommunizieren und Interagieren anregt. Es arbeitet mit Buchstaben und Symbolen zu Themenbereichen wie Beruf und Essen.

In einem ähnlichen Projekt haben die Design-Studenten bereits mit der Arbeiterwohlfahrt Erzgebirge zusammengearbeitet. Vom Bundesfamilienministerium gefördert, war die Kooperation auf zwei Jahre angelegt und beinhaltete Seminare und Exkursionen in Pflegeheime. Am Ende standen zwei Bachelorarbeiten, die laut Jörg Steinbach große Beachtung fanden. Entwickelt wurden unter anderem sogenannte Erinnerungsbücher. "Doppelt gewebt, bieten sie die Möglichkeit, Dinge dort aufzubewahren und hervorzuholen, die wichtige Erinnerungen bei alten Menschen wecken können", erklärt der Professor.

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