Alt und Jung schnitzen Hand in Hand

Vor 100 Jahren ist in Johanngeorgenstadt eine Tradition begründet worden. Die wird nach wie vor gut gepflegt. Was zur Feier des Jubiläums passiert, bleibt allerdings noch offen.

Johanngeorgenstadt.

Bitte recht freundlich! Gruppenfoto bei den Schnitzern in Johanngeorgenstadt. Eins und noch eins. Dann der dritte Versuch. Gar nicht so einfach, 20 Erwachsene und ein gutes Dutzend Kinder gleichzeitig lächelnd, unverdeckt und mit Blick in Richtung Kamera aufs Bild zu bringen. Aber schließlich ist es doch geschafft.

Zur Freude von Gotthard "Gola" Lang. Mit 89 Jahren ist der Erlabrunner nicht nur der älteste Schnitzer im Verein, er führt außerdem seit 35 Jahren die Vereinschronik. Und er hatte sich genau dafür das Gruppenfoto gewünscht. Alle großen und kleinen Momente der Johanngeorgenstädter Gruppe festzuhalten, ist so etwas wie die Lebensaufgabe von Gotthard Lang. Der frühere Bergmann hat in vielen Bänden beinahe jeden Donnerstagstreff der Schnitzer dokumentiert. Dazu Ausstellungen, Ausflüge, Arbeitseinsätze und auch die Verleihung des Ehrenpreises von Johanngeorgenstadt vor einigen Jahren. Im September feiert Lang seinen 90. Geburtstag. Nicht das einzige Jubiläum, das beim Verein derzeit auf dem Programm steht. Mitte April zum Beispiel beging mit Oswald Breuer der wohl dienstälteste Schnitzlehrer der Region seinen 80. Geburtstag. Und der Verein selbst?


"Da müssen wir in den ersten Band schauen", sagt Gotthard Lang, holt einen Ordner mit grünem Einband aus einem Schrank, schlägt die ersten Seiten auf und zeigt auf fein säuberlich geschriebene Maschinenzeilen. "1919 hat sich die Gruppe gebildet. Aber die Vereinsgründung erfolgte erst 1921", liest der Chronist vor. Also könnten die Schnitzer dieses Jahr das Hundertste feiern - oder 2021. "Oder nächstes Jahr das 99.", sagt Vereinsvorsitzender Lucas Ber-gauer. Das stehe noch nicht genau fest. Möglicherweise lege man das zusammen mit der Aufstellung des Exulanten-Zuges. Bei einem Schnitzersymposium waren die Figuren entstanden. Sie zeigen die Flucht der evangelischen Christen von Böhmen nach Sachsen im Winter 1653, sind aber noch eingelagert.

Ideen für das Jubiläum gebe es schon. "Aber da ist noch nichts spruchreif", so Bergauer. Der 30-Jährige, der in der Industrie arbeitet, kann sich zum Beispiel eine Ausstellung von Schnitzarbeiten vorstellen. Die gab es zu DDR-Zeiten als Dauerschau im Schnitzerheim, dem Domizil des Vereins in der Neustadt. "Damals war es das einzige Museum in der Stadt", erinnert sich Gotthard Lang. An Wochenenden seien mitunter Tausende Besucher gekommen. "Da standen hier vier, fünf Busse vor der Tür." Mit der Wende sei Schluss gewesen.

Allerdings nicht mit dem Schnitzen. Das hat nicht nur Tradition, sondern auch Zukunft. Die trifft sich zum einen immer Donnerstagnachmittag beim Kinderschnitzen - übrigens sind da Jungen wie Mädchen versammelt. Zum anderen zeigt sie sich auch durch einige junge Männer, die der Gruppe unter dem Dach des Erzgebirgszweigvereins die Treue halten. Und die Verantwortung übernehmen. Lucas Ber-gauer als Vorsitzender gehört dazu. Er sei durchs Kinderschnitzen beim Johanngeorgenstädter Altstadtfest dazu gekommen. Heute sei der Verein für ihn viel mehr als Hobby. Die Treffen einmal pro Woche gehören fest zum Leben dazu, bedeuten Gespräche, Begegnung, Austausch und das, was die Erzgebirger klassisch "Hutzenohmd" nennen. Da sitzen sie dann am langen Tisch zusammen, essen und plaudern.

Auch Christian Lorenz gehört mit 34 Jahren zur jüngeren Generation. Der Schweißfachingenieur ist zweiter Vorsitzender, lebt der Arbeit wegen in Chemnitz, kommt aber, wann immer es geht, zum Schnitzen in die Bergstadt. Er sei nicht der Einzige, der einiges an Kilometern auf sich nimmt. Mitglieder reisen unter anderem aus Carlsfeld, Bermsgrün und Beierfeld an. Zum Teil seien sie ehemalige Johanngeorgenstädter, zum Teil kommen sie, weil es ihnen im Verein einfach so gut gefalle.

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