Ausflug endet mit böser Überraschung

Jedes Jahr entfernen sich im Erzgebirgskreis rund 1500 Menschen unerlaubt vom Unfallort. Das musste jetzt auch ein Ehepaar aus Pockau-Lengefeld erleben. Auf anfallenden Kosten bleibt es wohl sitzen.

Aue/Schwarzenberg.

Die Kratzer gehen bis auf das Metall, von dem roten Autolack ist an mehreren großen Stellen nichts mehr zu sehen. Kotflügel und Stoßstange sind betroffen. Schaden: um die 2000 Euro. 400.000 Kilometer hat das Ehepaar bereits mit dem Audi zurückgelegt. Selbst bis zum Nordkap ist es schon gefahren. Doch einen solchen Vorfall haben die Rentner noch nicht erlebt. Sie gehören zu den rund 1500 Menschen im Jahr, die sich im Erzgebirgskreis mit dem Problem Unfallflucht auseinandersetzen müssen.

Die beiden Pockau-Lengefelder wollten nur kurz in einem Marienberger Baumarkt einkaufen gehen. Ihren Audi stellten sie auf einer Stellfläche nahe der Zufahrt ab. "Ich hatte schon ein ungutes Gefühl", sagt die Frau. Als die Senioren zurückkamen, konnten sie es kaum glauben. Die vordere linke Seite ihres Autos war zerschrammt. Jemand hatte den Wagen beschädigt und danach einfach den Unfallort verlassen. Kurzum: Unfallflucht. "Dass der Fahrer den entstandenen Schaden nicht bemerkt hat, kann ich mir nicht vorstellen", sagt der 78-Jährige. Zu tief seien die Kratzer. Die Familie wandte sich an "Freie Presse", hofft, dass der Verursacher ein schlechtes Gewissen hat und sich doch noch meldet. Auch wenn die Geschädigten natürlich wissen, dass es in solchen Fällen für die Polizei schwierig ist, zu einem Ermittlungserfolg zu gelangen. Es fehlt bislang an Zeugen. Auf eine Anzeige verzichteten die Rentner daher.

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Und tatsächlich: Für das Ermitteln der Täter seien in den meisten Fällen Zeugen unerlässlich, sagt Jana Ulbricht, Pressesprecherin der Polizeidirektion Chemnitz. Zwar werden auch Spuren gesichert, wie zum Beispiel Lackreste. "Man braucht für den Abgleich aber einen Verdächtigen." Lassen sich mit Lackresten zumindest Rückschlüsse auf die genaue Farbe des beteiligten Fahrzeuges ziehen? Nicht unbedingt, betont Jana Ulbricht. Gerade bei helleren Lacken sei die Bestimmung der Farbe schwierig. Als Beispiel nennt sie Silber, das auch weißlich wirken könne.

Entsprechend gestalten sich die Aufklärungsquoten im Hinblick auf die in den Revieren bearbeiteten Fälle. In Marienberg lag die Quote 2018 bei 44 Prozent (dort waren insgesamt 338 Unfallfluchten angezeigt worden), in Annaberg bei knapp 49 Prozent (379 Unfallfluchten), in Aue bei 46 Prozent (510 Unfallfluchten) und im Bereich des Revieres Stollberg bei 47 Prozent (314 Unfallfluchten) - was jeweils in etwa dem Niveau der Vorjahre entspricht. Laut Jana Ulbricht gibt es somit weder eine größere Zu- noch Abnahme.

Eine Geldstrafe bis hin zu drei Jahren Freiheitsstrafe in besonders schweren Fällen sieht das Strafgesetzbuch bei einer Unfallflucht vor. Doch was tun, damit es nicht soweit kommt? Jana Ulbricht erklärt, es bestehe zwar die Möglichkeit, einen Unfall selbst über die Versicherung zu regulieren, doch sei es ratsam, die Polizei hinzuziehen. Lässt sich beispielsweise bei einem Parkplatzrempler der Besitzer des beschädigten Fahrzeugs nicht antreffen, genüge eine Nachricht an der Scheibe mitunter nicht. Es müsse eine angemessene Zeit gewartet werden, wobei fünf Minuten zu wenig sind. So könne vielmehr eine Stunde angemessen sei, was von der Situation und der Örtlichkeit abhänge, so die Polizeisprecherin. Bei einer Nachricht müsse nicht nur die Telefonnummer, sondern etwa auch der Name, das Kennzeichen, die Adresse und die Erreichbarkeit aufgeschrieben werden. Wird der Zettel allerdings durch die Witterung beschädigt oder von einem Passanten entfernt, hat der Unfallverursacher ein Problem. Daher sei das Hinzuziehen der Polizei die bessere Wahl.

Ehrlichkeit und Anstand, das hätten sich auch die zwei Rentner vom Verursacher gewünscht, als sie die Kratzer entdeckten. Weil ihre Rente nicht üppig ist, wollen sie den Schaden so beseitigen lassen, dass mithilfe neuen Lacks kein Rost entsteht und die Kosten geringer ausfallen. Da es nicht um keinen Neuwagen geht, lasse sich das verschmerzen.


Verkehrsbericht: Anzahl Schwerverletzter deutlich gestiegen

8057 Verkehrsunfälle haben sich laut aktuellem Verkehrsbericht im Jahr 2018 im Erzgebirgskreis ereignet. 2017 waren es 8022. Insgesamt 15 Menschen kamen im vorigen Jahr bei Unfällen ums Leben (2017: 12).

Auch bei der Anzahl der Schwerverletzten verzeichnen die Polizeibeamten einen Zuwachs. 2018 zogen sich 352 Menschen schwere Verletzungen zu. 2017 waren es 302. Ähnlich sieht es bei den Leichtverletzten aus. 2018: 766. Und 2017: 725. "Diese Entwicklung ist kritisch", schätzt Polizeirat Stefan Auge ein. Hauptursachen seien ungenügender Sicherheitsabstand und unangepasste Geschwindigkeit.

Oftmals spielen Alkohol oder Drogen eine Rolle. 2018 ereigneten sich 142 Unfälle, bei denen mindestens einer der Beteiligten unter dem Einfluss von Alkohol oder anderen berauschenden Mitteln stand. Die Polizei habe 512 alkoholisierte Fahrzeugführer aus dem Verkehr gezogen, bevor es zu einem Unfall kommen konnte, so der Verkehrsbericht.

Bei etwa jedem fünften Unfall entfernen sich Beteiligte widerrechtlich vom Ort des Geschehens. Der Anteil lag im Jahr 2018 bei 19,1 Prozent. Von den 1541 Fluchten im Erzgebirgskreis konnte die Polizei 711 aufklären. Die Quote liegt bei 46,1 Prozent. (geom)

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