Christopher lebte seit Langem in Angst

Der Prozess um den Mord an dem 27-Jährigen aus Aue tritt heute in seine entscheidende Phase. Viele Menschen nehmen Anteil am Schicksal des jungen Mannes. Würde er leben, wenn er seine falschen Freunde verlassen hätte?

Aue/Chemnitz.

Am Ende eines Verhandlungstages meldete sich ein junger Mann (27) aus Aue bei der Vorsitzenden Richterin Simone Herberger. Er möchte dem Gericht etwas erzählen, sagte er. Die Richterin schickte ihn zum Ankläger der Staatsanwaltschaft, Stephan Butzkies, und der ließ den Auer auf die Zeugenliste setzen. Am nächsten Prozesstag nahm der junge Mann auf dem Zeugenstuhl Platz.

Über die Angeklagten konnte er nichts erzählen, er kenne sie nicht. Christopher W. war er nur wenige Male begegnet. "Wir standen herum, da kam einer, der hat ihm ein paar geklatscht. Da ist ihm die Brille runtergeflogen", erzählte der junge Mann empört. "Was ihm passiert ist, das hat er nicht verdient, auch wenn er schwul war, das hat er nicht verdient. Totale Scheiße ist so was."

Die Aussage trug nichts zur Aufklärung des Verbrechens bei, zeigt aber, dass viele Menschen Anteil am Schicksal des im April 2018 getöteten Christopher (27) nehmen. Kurz nach dem Mord kamen mehr als 50 Leute in der Nähe des Tatorts am früheren Güterbahnhof zusammen, um Abschied von Christopher W. zu nehmen. An jedem Prozesstag finden sich etliche Zuschauer im Großen Saal des Chemnitzer Landgerichts ein, um der Verhandlung zu folgen. Immer wieder, besonders wenn über Einzelheiten der grausamen Tat gesprochen wird, fließen Tränen. Vier Tage lang hörte auch der junge Mann zu, bis es ihn nicht mehr auf der Bank hielt, und er loswerden wollte, was ihn berührte, dass da einer scheinbar grundlos drangsaliert wurde. "Christopher war eingeschüchtert", sagte er.

Christopher W. lebte allein, hatte eine eigene Wohnung, aber er war nicht in der Lage, sein Leben selbst zu organisieren. Deshalb bestellte das Amtsgericht Aue einen staatlichen Betreuer für ihn, der ihn in Geld- und Behördenangelegenheiten, bei der Gesundheitsvorsorge und im Arbeitsleben - das er jedoch nicht hatte - beriet. Christopher habe auf ihn nicht wie ein Mittzwanziger gewirkt, sondern wie ein hilfloses, zurückhaltendes, älteres Kind, sagte der Betreuer (61) vor Gericht. "Er war ein netter, höflicher junger Mann, der keinerlei Aggressionen zeigte. Er hat sich allen untergeordnet. Es war leicht, ihn auszunutzen."

Das haben selbst seine Freunde getan, wie mehrere Zeugenaussagen nahelegen. Zwei der drei Angeklagten, Terenc H. (26) und Jens H. (22), galten als Christophers beste Freunde. Nur der dritte Angeklagte, Stephan H., der aus Kamenz stammt und in Bad Schlema von der Arbeiterwohlfahrt betreut wurde, um vom Alkohol wegzukommen, war Christopher gegenüber feindselig eingestellt, weil er mit dessen Homosexualität ein Problem hatte. Das hinderte ihn nicht daran, mit Christopher auf dem Postplatz abzuhängen, wo sie tranken und Drogen nahmen.

Das Ausnutzen des labilen jungen Mannes ging so weit, dass seine Freunde ihn zum Stehlen schickten. Im Simmel-Markt sollte er eine Flasche Wodka klauen, erinnerte sich ein Zeuge (16). Als Christopher erwischt wurde, hätten die anderen gesagt, er werde schon sehen, was er davon hat, wenn er keine Flasche bringt. Der Betreuer berichtete, falsche Freunde - nicht die Angeklagten - hätten Christophers Wohnung zertrümmert und die Kabel aus den Wänden gerissen, um das Kupfer zu verkaufen. "Ich glaube, er wollte mir mehr von seinen Problemen erzählen, doch er hatte Angst, denn ich hätte ja die Betreffenden angesprochen", sagte der Betreuer. "Wenn Christopher Sorgen hatte, war er depressiv. Nahm er Drogen und trank Alkohol, war er raus aus seiner Realität und hat sich wohlgefühlt."

Einmal hätte Christopher beinahe die Kurve gekriegt und sein bedrückendes Leben in Aue hinter sich gelassen. Nach einem Zusammenbruch unter Alkohol lebte er zwei Monate bei seinem Halbbruder (35) in Westdeutschland. "Er ging dann zum Entzug. Dort lernte er einen Mann kennen, mit dem er unbedingt zurück nach Aue wollte", berichtete der Bruder. "Ich war dagegen, aber ich hatte keine Chance."

Der Bruder sagte, sie beide hätten in ihrer Kindheit im Elternhaus viel Gewalt und Alkohol erlebt. Er selbst ist heute Fallschirmjäger bei der Bundeswehr - ein gestandener Mann, mit dem sich niemand leichtfertig anlegt. Christopher W. schlug einen anderen Lebensweg ein.

Kurz vor seinem Tod hatte er vielleicht erkannt, dass er das Milieu, in dem er lebte, hinter sich lassen musste. "Christopher hatte die Schnauze voll. Er wollte weg aus Aue", sagte ein junger Mann (27), der mit ihm ein Verhältnis hatte. Christophers Betreuer bestätigte das: "Er wollte nach Zwickau ziehen. Er fühlte sich hier nicht wohl. Er merkte, dass er ganz unten ist." Wenig später war er tot, brutal erschlagen von drei Männern, von denen zwei sich seine besten Freunde nannten.

Terenc H. hat im Prozess wenig glaubhaft ausgesagt, er könne sich an nichts erinnern. Jens H. und Stephan H. haben bisher geschwiegen. Heute wollen ihre Verteidiger Erklärungen abgeben, wie sich das Tatgeschehen aus Sicht ihrer Mandanten darstellt. Selbst das Wort ergreifen, werden die beiden vermutlich nicht.

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