Gesprächsabend packt Thema Drogen zumindest auf den Tisch

In Johanngeorgenstadt herrscht durch den Grenzübergang eine ganz besondere Situation. Ein Treffen brachte jetzt zwar viele Seiten zusammen, aber keine Lösungen.

Johanngeorgenstadt.

Es ist kurz nach halb sieben am Morgen. Saskia Müller (Name geändert) schickt ihre Tochter zur Schule. Der Weg führt die Oberschülerin zum Bahnhof von Johanngeorgenstadt. Keine zehn Minuten entfernt vom Elternhaus. Doch die Strecke ist teils unbeleuchtet und abgelegen. Und ein Stück des Weges teilt sich das Mädchen mit Leuten, die offenbar früh mit den ersten Zügen in die Bergstadt kommen, über die Grenze nach Tschechien gehen, dort Drogen konsumieren und zurücklaufen.

Schon mehrfach sei die Schülerin von solchen Männern anzüglich angesprochen worden. "Sie hat dann so getan, als ob sie gerade mit mir telefoniert", berichtet die Mutter, die ihr Kind nicht überbehüten und darum nicht jeden Tag mitlaufen will. Dass es Personen gibt, die per Zug zum Drogenkauf in die Stadt kommen, bestätigten jetzt Mitarbeiter des Zolls. Sie sind zu einem Bürgerdialog nach Johanngeorgenstadt gekommen. Organisiert hatte das Treffen der CDU-Bundestagsabgeordnete Alexander Krauß. Er sei der Erste gewesen, bei dem sie überhaupt Gehör gefunden habe, sagt Saskia Müller. Zuvor hatte sie bereits Behörden angeschrieben, versucht, die Tochter in einem SchülerZubringerbus zum Bahnhof unterzubringen, die Stadtverwaltung für mehr Beleuchtung zu gewinnen, eine Vorort-Begutachtung zu erreichen. Alles vergebens.

"Wie hoch ist die Drogenkriminalität in Johanngeorgenstadt?", lautete nun das Gesprächsthema. Neben einigen Zoll- und Polizeibeamten waren etwa zwei Dutzend Interessierte in die kleine Gaststube der "Sockendorfer Hutzenstube" in der Altstadt gekommen. Mehr hätten auch nicht reingepasst. Stephanie Kühn vom Zoll Chemnitz, auch zuständig fürs Erzgebirge: "Die Grenze in Johanngeorgenstadt ist ein Kontrollschwerpunkt." Doch die Mengen an Crystal, die der Zoll hier finde, gehen zurück. 2016 waren es 2200 Gramm, 2018 772 Gramm, 2019 liege man bei 443 Gramm. Der Zoll kümmert sich, weil es um den Transport von Dingen über die Grenze geht, erläutert Siegfried Klöble, Leiter des für Johanngeorgenstadt zuständigen Hauptzollamtes Erfurt.

Auch Uwe Kuhn von der Landespolizei hatte konkrete Zahlen: 2018 gab es in Johann'stadt 200 Straftaten. Davon waren 32 Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz. Fünf drogenabhängige Bergstädter sind den Behörden bekannt. Die Zahl bestätigte Stadträtin und Allgemeinmedizinerin Ulrike Bosch. Sie wisse das aus ihrer Praxis und habe auch bei Kollegen nachgefragt. Regelmäßiger Konsum von illegalen Drogen sei nicht das große Problem. "Ich habe eine Zusatzqualifikation für eine Substitutionspraxis. Aber das wird hier gar nicht gebraucht", so Ulrike Bosch. In so einer Einrichtung können abhängige Menschen Ersatzdrogen unter Aufsicht einnehmen.

Warum gerade Johanngeorgenstadt ein Schwerpunkt des Crystal-Schmuggels ist, erklärt der Zoll mit simplen Fakten: die Zuganbindung, die vielen Parkplätze direkt an der Grenze, eine hohe Zahl an Touristen sowie der große Markt in Potucky (Breitenbach), den es anderswo in Tschechien so nicht mehr gebe. Streetworker Michael Scholz, zuständig unter anderem für Johanngeorgenstadt und Eibenstock, forderte von Krauß mehr Geld für die Prävention. Da brauche es mehr Mitarbeiter direkt vor Ort. Denn Dealer schnappen und Drogenlabore ausheben, "damit bekämpft man nur Symptome", findet Scholz. "Wir müssen aber bei den Ursachen ansetzen - dafür sorgen, dass Drogen gar nicht erst genommen werden."

Die Dunkelziffern bei Süchtigen seien hoch. Er persönliche wisse von jungen Menschen aus der Region, die infolge der Sucht umgekommen sind oder sich das Leben genommen haben. Mehr Polizei vor Ort forderten die Zuhörer in der Hutzenstube, mehr Schutz für Kinder. Mehr Druck auf Tschechien, damit die Behörden stärker gegen Drogenhandel und Herstellung vorgehen. Da sei viel passiert, so Siegfried Köble. Deswegen verlagere sich die Produktion immer mehr nach Holland.

Gut zwei Stunden wurde diskutiert. Saskia Müller war froh, dass das Thema auf den Tisch kam. Den Schulweg der Tochter macht das aber erst einmal nicht sicherer. Menschen, die unter Drogeneinfluss stehen, tauchen in ihrem Stadtteil Pachthaus immer wieder auf. Anwohner berichteten von Männern mit Panikattacken, die einfach in Gärten kämen, von Leuten, die versuchten, Türen fahrender Autos aufzureißen, von Personen, die sich in Häusern vor der Polizei versteckten. Und die Mutter fragt sich: "Muss denn erst etwas passieren, ehe sich da was bewegt?"

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...