Jubilarin lernt zum 100. ein neues Familienmitglied kennen

Einen ganz besonderen Geburtstag feiert Anna Fleckstein diesen Sonntag. Ihr ganzes Leben hat sie in Lauter verbracht - und das Kämpfen gelernt.

Lauter-Bernsbach.

Öffnet Anna Fleckstein am morgigen Sonntag ihre Augen, ist sie seit 36.525 Tagen auf dieser Welt. Die Jubilarin freut sich auf ihren 100. Geburtstag, obwohl sie es zeitlebens nie leicht hatte. "Sie hat das Kämpfen gelernt und sich einen eisernen Willen angeeignet", sagt Tochter Barbara.

Auf die kleine Feier freut sich Anna Fleckstein vor allem aus zwei Gründen: Zum einen lernt sie den jüngsten Familienzuwachs kennen, ihr vier Wochen altes Urenkelkind. Zum anderen sieht sie andere Angehörige nach langer Zeit mal wieder. Denn ins Heim kam die zweifache Mutter ausgerechnet an jenem Tag im März, als das Besuchsverbot wegen Corona begann. Ihre Kinder Barbara und Matthias, geboren 1946 und 1952, erinnern sich schmerzlich daran. "Sie war in einem völlig neuen Umfeld - und plötzlich ganz allein." Wie muss sich das angefühlt haben? Anna Fleckstein hat auch diese Situation gemeistert und gewöhnt sich ans neue Umfeld, auch wenn das Heimweh groß ist. Die Pflege im Haus ihres Sohnes, in dem sie mehr als 20 Jahre lang lebte, war nicht mehr möglich.

Gesundheitlich geht es der Ur-Lautererin recht gut. Sie sitzt zwar im Rollstuhl und trägt seit Kurzem ein Hörgerät. Aber nach wie vor unterhält sie sich gern und schwelgt in Erinnerungen. In einer Bauernfamilie wuchs die 1920 Geborene mit sechs Geschwistern auf und in bittere Kriegsjahre voller Entbehrungen hinein. Zwei Brüder blieben im Feld. Zuhause gab es schwere Arbeit. "Wir Bauern galten als dreckig, waren wenig geachtet trotz der Plagerei", erinnert sie sich. "Von der Ernte wollten aber alle etwas haben." Nach der Schule stieg sie mit zarten 16 voll in die Landwirtschaft im Gut der Familie direkt an der Kirche in Lauter ein. Der Sonntag geriet ihr zum schönsten Tag der Woche - noch heute betet und singt die tief gläubige Frau viel und gern, berichten ihre Kinder.

1945 heiratete Anna Fleckstein ihren Mann, ein Friseurmeister mit Geschäft in Aue. Nur zehn Jahre sollte das Glück währen. "Dann verunglückte mein Liebster mit dem Motorrad tödlich." Für sie, deren Mutter ähnlich tragisch ums Leben kam, begann die vielleicht schwerste Zeit ihres Lebens, allein mit zwei Kindern und 45 Mark Rente hielt sie sich an ihre Großmutter. "Sie brachte mich zum Glauben", sagt sie Seniorin, die stets sportlich war und sich noch bis zum 70. Geburtstag mit Gymnastik fit hielt.

Einen zweiten Mann gab es in ihrem Leben nicht. "Ich kümmerte mich um die Kinder." Von der Landwirtschaft wechselte sie zur Auer Firma Curt Bauer, arbeitete weitere 15 Jahre im Emaillewerk Lauter. Bis sie 67 war - obwohl sie hätte früher aufhören können. Nun umsorgen schon seit Jahren die Kinder und deren Familien Oma Anna. Fünf Enkel, fünf Urenkel und sechs Ur-Ur-Enkel gratulieren am Sonntag. "Es ist, wie es ist", sagt sie mit Blick auf ihr langes und nie leichtes Leben.

00 Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.