Noch immer am Start: Brockhages Schaukelwagen

Das Jubiläum 100 Jahre Bauhaus rückt auch ein spezielles Spielzeug wieder in den Fokus. Es stammt vom Schwarzenberger Kunstprofessor und erfreut bis heute Kinder.

Schwarzenberg.

Mit seinen international geschätzten Arbeiten aus Mooreiche können viele Erzgebirger nichts anfangen. Mit dem von Hans Brockhage geschaffenen Schaukelwagen hingegen schon. Auch, wenn vielleicht nicht jeder weiß, dass dieses beliebte Kinderspielzeug vom Schwarzenberger Kunstprofessor stammt. Aber bekannt ist der Schaukelwagen mit den gelben oder roten Rädchen - weltweit.

Es ist eines der sehr frühen Stücke, die Brockhage geschaffen hat - und zwar unmittelbar nach dem Ende seines Studiums an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden, beeinflusst durch das Bauhaus. Einer seiner Lehrer dort war Mart Stam. Der Niederländer soll ihn mit Blick auf den Bau eines Schaukelpferdes mit folgendem Satz dazu inspiriert haben: "Wenn Pferd fällt um, ist Pferd tot. Du musst machen, das Pferd nicht tot ist, wenn fällt um." Und so sei die Idee geboren worden, einen schaukelnden und zugleich fahrbaren Untersatz für die Jüngsten zu kreieren. Wer Stams Schwingerstühle kennt, kann unschwer nachvollziehen, woher die geschwungene Form des Sitzes kommt.


Unter der fachlichen Betreuung von Mart Stam und unter technischer Mitwirkung von Erwin Andrä entstand das Spielgerät, für das Brockhage 1953 das Patent angemeldet hat. 1957 wurde der Schaukelwagen mit dem Siegel "Spiel-gut" in Ulm und 1960 auf der Triennale Mailand ausgezeichnet. Dieses Designobjekt aus dem Erzgebirge gehört bis heute zur ständigen Ausstellung des Museum of Modern Art in New York und ist im Albert und Victoria Museum in London zu sehen. "Wir haben den Schaukelwagen von Brockhage sogar in zweifacher Ausführung", sagt Sabine Epple vom Grassi-Museum in Leipzig, wo das Spielgerät ebenfalls in der ständigen Ausstellung zu sehen ist.

"Für mich war der Schaukelwagen immer mehr eine Schaukel, denn mein Vater hatte unseren mit Stricken im Kirschbaum aufgehangen. Und das hat mich immer an die Luftschaukeln vom Rummel erinnert", erzählt Sabine Schmidt. Sie ist eine der fünf Sprösslinge des Künstlers und seiner Frau Ursula. Tochter Sabine ist heute 60 Jahre alt und der Schaukelwagen gehört inzwischen wieder zu den Dingen, die sie täglich um sich hat. Nein, nicht weil sie Oma ist, sondern weil sie heute als Tagesmutti für Steppkes bis drei Jahre tätig ist. "Noch immer ist der Schaukelwagen bei Kindern sehr beliebt", sagt sie.

Das dem so ist, kann auch der Fotograf Christoph Weigel aus Schwarzenberg bestätigen, der das Gefährt aktuell in seinem Studio für Kinderfotos verwendet - so dies gewollt ist. "Wir wollen mit dieser Fotoaktion an seinen zehnten Todestag erinnern, der in diesem Jahr ist", sagt der Fotograf. Weigel ist zudem ein Verehrer dessen, was Brockhage seiner Heimatstadt an Kunst hinterlassen hat. "Wir haben einen dieser Schaukelwagen im Internet ersteigert", erzählt er und spricht damit auch für seine Lebensgefährtin Agnes Glätzner. Beide sind sehr heimatgeschichtlich interessiert und verstehen es, historische Raritäten und Besonderheiten zeitgemäß wieder in den Fokus zu rücken. "Als wir den Wagen von seinem Sohn, Paul Brockhage, haben aufarbeiten lassen, haben wir entdeckt, dass es einer von den Ersten war. Er hat sogar noch die gelben Räder, die roten kamen erst später", sagt Weigel. Und er offenbart noch eine Vision des Meisters: "Etwa ein Jahr vor seinem Tod war er bei mir und wollte den Schaukelwagen vollenden. Er wollte ihm einen Kopf geben, damit er so aussieht wie das Olbernhauer Reiterlein. Dazu hatte er ein altes Holz-Steckenpferd mit, und wir haben sein Vorhaben am Computer simuliert." Doch zur Umsetzung kam es leider nicht mehr.

Die Lizenz zum Nachbau des Schaukelwagens hat heute die Firma Werkform GmbH in Brand-Erbisdorf. Sie stellen große Spielgeräte für Freiflächen und Kindereinrichtungen her. Im aktuellen Katalog findet sich aber auch der Schaukelwagen von Brockhage für Liebhaber. "Wir produzieren die aber nur auf Anfrage, bis zu 50 Stück im Jahr", sagt Andrea Haupt, die Geschäftsführerin der Werkform GmbH.

Zudem stellt die Firma Kasperini aus Delmenhorst heute eine ähnlich geformte, preiswerte Variante her. Dort heißt das Spielgerät allerdings: Ziehwagen und Wippe.

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