Vom Mini-Service gibt's derzeit nur Fotos

Vogel-Perspektiven: Auf über 6000 Ansichtskarten hat der Schwarzenberger Verlag Vogel von 1898 bis etwa 1955 Gebäude und Landschaft dokumentiert. Vieles ist längst Nostalgie, anderes fast unverändert. Heute: eine Attraktion, die einst nach Lößnitz lockte.

Lößnitz.

Das hat sich 1929 schnell herumgesprochen, obwohl an Internet und Handy noch nicht einmal im Traum zu denken war: Im "Bahnschlösschen" in Lößnitz ist jetzt das kleinste Service der Welt ausgestellt! 142 Teile! Aus Meißner Porzellan!

Die Kunde von dieser Sensation drang auch nach Schwarzenberg. Da betrieb Arthur Vogel (1868-1962) an der Oberen Schlossstraße neben einem Laden mit buntem Angebot einen Ansichtskartenverlag. Der geschäftstüchtige Mann erkannte die Gunst der Stunde. Er fuhr nach Lößnitz und wurde sich mit Hotelier Georg Grundig (1896-1959), Eigentümer und Aussteller des Wunderwerks, einig: Ja, einige Ansichtskarten aus dem bekannten Schwarzenberger Verlag sollten das Service als Motiv haben und als Werbung fürs Hotel "Bahnschlösschen" dienen.

Eine jener Karten ist dem Artikel beigestellt. Lutz Walther vom Verein Lößnitzer Heimatfreunde weiß, dass Arthur Vogel mindestens drei weitere Motiv-Karten mit Service-Teilen und zwei mit Ansichten von "Bahnschlösschen" und Biergarten aufgelegt hat. "Damit werden Erinnerungen festgehalten", sagt der Heimatforscher. "Denn das Hotel, der spätere Fremdenhof Bergschlösschen, ist 2007 abgerissen worden. Aber was noch viel schlimmer ist: 2012 wurde das Service aus dem Haus der Kunst in Remshalden-Grunbach geraubt. Seitdem ist es verschwunden."

Zwei unbekannte Männer hatten am 10. März 2012 besagtes Haus der Kunst in der Nähe von Stuttgart überfallen, Besitzer Kurt Krockenberger gefesselt und an einen Stuhl gebunden. Zur Beute gehörte das kleinste Porzellan-Service der Welt. Alle bisherigen Ermittlungen blieben erfolglos, die Staatsanwaltschaft Stuttgart schloss die Akten.

Mit enormem Aufwand hatten Otto Kretschmar senior und mehrere Helfer das Mini-Service zwischen 1911 und 1913 geschaffen - im Auftrag eines Frankfurter Ehepaars. Vorlage war ein in der Königlichen Porzellan-Manufaktur Meißen für den König von Italien angefertigtes Service. 1928 erwarb Georg Grundig, damals noch Pächter einer Gaststätte in Meißen, die kleine Ausführung. Die 142 Teile bildeten zusammen ein komplettes Speise-, Kaffee- und Waschservice für zwölf Personen. Die dazugehörigen winzigen Löffel stiftete übrigens eine Auer Firma: die August Wellner Söhne AG.

Wie aber kam das wertvolle Service - Experten schätzen es auf mittlerweile etwa zwei Millionen Euro - in das Museum bei Stuttgart? Auch das erforschte Lutz Walther. "Bei Kriegsende 1945 durch Verstecken in Lößnitz dem Zugriff der Besatzer entzogen, wurde das Kunstwerk Ende der 1960er-Jahre in mehreren Aktionen nach Westdeutschland zum Sohn eines Lößnitzer Unternehmers geschmuggelt. Aus Privathand kam es schließlich in das Museum für Alt-Meißner Porzellan, das Kurt Krockenberger 1990 eröffnete." So war es wieder öffentlich zu bestaunen.

Angesichts des späteren Raubes mutet es aus heutiger Sicht wie eine besonders glückliche Fügung an, dass es dem Verein der Heimatfreunden 2009 gelang, das Service für drei Tage nach Lößnitz zu holen und in der Original-Puppenstubenvitrine zu präsentieren, die der Lößnitzer Hans Mühlberg bei einem Antiquitätenhändler in Pirna entdeckt hatte. Die Ausstellung im Bürgerhaus besuchten dann fast 3000 Leute.

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