An ihrer Seite - Wie Angehörige mit Parkinson umgehen

Morgen ist Weltparkinson-Tag. Über das Leben mit der Krankheit sprechen Patienten seit Jahren in einer Stollberger Selbsthilfegruppe. Auch Maria Bahls gehört dazu. Ihr Mann leitet die Gruppe - obwohl er gesund ist.

Jahnsdorf.

Ist der Honeymoon vorbei? Den englischen Begriff für Flitterwochen verwenden Parkinsonkranke, um die Anfangsphase ihrer Therapie zu beschreiben: Medikamente können Symptome eindämmen und eine Art Hochgefühl erzeugen. In diesem Zustand war Maria Bahls, als sie der "Freien Presse" vor knapp zwei Jahren von ihrer Krankheit erzählte. Da morgen Weltparkinsontag ist, hat sie sich zu einem neuen Artikel bereit erklärt. Doch ihr Zustand hat sich zuletzt verschlechtert.

Maria Bahls braucht immer mehr Hilfe. "Ohne meinen Mann ginge es nicht", sagt sie. Er, Joachim Bahls, sitzt neben ihr. So wie er schon lange an ihrer Seite ist. Trotz aller Schwierigkeiten. Weil die Symptome zunehmen, steht in ihrer Wohnung in Jahnsdorf nun ein Rollator. Ohne den geht nicht mehr viel. Während andere Parkinsonpatienten zittern, kämpft Maria Bahls vor allem mit Muskelstarre. Sie ist oft unbeweglich und klagt über Schmerzen im linken Oberschenkel. Zudem ist ihre Wirbelsäule verdreht, die rechte Schulter steht deshalb hervor. Pisa-Syndrom heißt das, benannt nach dem schiefen Turm in Italien.

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Weil Maria Bahls nicht mehr am Herd stehen kann, muss ihr Mann nun lernen zu kochen. "Wenn ich ihm das vor 40 Jahren erzählt hätte", sagt sie und lacht. Stets richtet sich Joachim Bahls nach seiner Frau. Die Krankheit bestimmt den Takt, auch wenn es darum geht, wann gegessen wird. Der Zeitpunkt hängt von den Medikamenten ab, weniger vom Appetit. Aber Joachim Bahls sagt: "Alleine essen will ich nicht."

Früher war Maria Bahls Floristin. Irgendwann fingen die Blumen in ihrer Hand zu zittern an, vor den Augen der Kunden. 2005 wurde sie mit der Diagnose konfrontiert, da war sie 50 Jahre alt. Die Arbeitsstelle hat sie längst aufgegeben - aber nicht ihre Hände. Maria Bahls strickt, näht und bastelt gern: Osterhasen, Schmuck Vögel aus Filz oder Ketten aus Hemdknöpfen. Und obwohl sie manchmal über ihre Krankheit schimpft, sagt sie: "Besser, man arrangiert sich damit."

Nach Angaben der Deutschen Parkinson Vereinigung leiden in Deutschland zwischen 100.000 und 250.000 Menschen unter der Krankheit. Wie man damit lebt, wird in vielen Selbsthilfegruppen besprochen. In Stollberg trifft sich eine Gruppe im Dürer, jeweils am letzten Montag des Monats , 13.30 Uhr. Etwa 60 Männer und Frauen gehören dazu, darunter Maria Bahls. Und Joachim Bahls leitet die Gruppe, obwohl er gesund ist.

Eingeladen sind nicht nur Parkinson-Kranke. Auch Freunde und Verwandte können das Angebot nutzen. "Es ist wichtig, dass Angehörige die Patienten verstehen", sagt Maria Bahls. Deshalb engagiert sich ihr Mann in der Gruppe. Sein Leben als Rentner hatte er sich eigentlich anders vorgestellt Er würde gern Ahnenforschung betreiben, schafft es aber nicht. Allmählich wachsen ihm seine Aufgaben über den Kopf. "Man kommt nervlich an Grenzen", sagt er. Dann steigen ihm Tränen in die Augen.

Weil Joachim Bahls weiß, dass es auch anderen so geht, denkt er darüber nach, Treffen zu organisieren, auf denen Angehörige unter sich sind. Dass er seine Frau auch in Zukunft unterstützt, daran lässt er allerdings keinen Zweifel. "Ich mache es gern", sagt er. Der Honeymoon mag vorüber sein - die Liebe ist es nicht.

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