Bitterböser Humor jenseits von seichter Comedy

Das neue Programm des Kabaretts Die Barhocker hatte am Wochenende in der Bar der Oelsnitzer Stadthalle Premiere. Bei einem Georg-Kreisler- Programm werden diesmal deutlich andere Töne als bisher angeschlagen.

Oelsnitz.

Schluss mit Jux und Tollerei. Mit ihrem neuen Programm lassen es Die Barhocker richtig krachen. Doch alle Elemente seichter Comedy hat das Ensemble diesmal eliminiert. Stattdessen wird es böse. Bitterböse. Das muss es auch, denn Kay Haberkorn und Sascha Wildenhain bieten diesmal, unterstützt von Hendrik Henker am Klavier, ein Georg-Kreisler-Programm. Der österreichische Dichter, Komponist und Interpret Kreisler lebte von 1922 bis 2011 und ist bekannt für seinen tiefsinnigen Humor sowie Zeitkritik.

Es ist ein Wagnis, denn dem Grandseigneur des schwarzen Humors muss man erst gerecht werden. Vorab gesagt: Den Barhockern ist das sehr gut gelungen. Doch zunächst stockte den Besuchern sprichwörtlich der Atem. Nach einem kurzen Anriss zur Person von Kreisler ging es über Hass-Zitate aus sozialen Netzwerken direkt zum ersten Kreisler-Chanson. "Das Lied ist 52 Jahre alt", hatte Sascha Wildenhain vorsorglich versichert. Dann wurde Kreislers "Schlag sie tot" angestimmt. "Wenn dich kleine Kinder stören - Schlag sie tot! Auch wenn sie dir selbst gehören - Schlag sie tot!" Dieser ohnehin drastische Liedanfang wird bei Kreisler bis ins Unerträgliche gesteigert. Zu seiner Zeit war das eine gewagte Provokation. Heute allerdings hat die Wortwahl aus Kreislers maßlos übersteigerter, makabrer Satire längst Einzug in die Kommentarspalten sozialer Netzwerke gefunden.

Das Publikum verharrte nach dem letzten Ton in betretenem Schweigen. "Ja Leute, da müsst ihr jetzt durch", löste Kay Haberkorn die lähmende Stille. Es folgte ein Mix aus Liedern und Sketchen, wobei die Barhocker auf viele ihrer bekannten Figuren verzichteten. Einen Spagat bis zu Spaßgaranten wie "Ilse und Liselotte" hätte dieses Programm tatsächlich nicht vertragen. Stattdessen wurde der sogenannte "Idiotentest" für Verkehrssünder thematisiert. "Fritz und Sig" durften sich über eine minimale Rentenerhöhung in die Haare kriegen. Mit sich überschlagender Stimme und typischem DDR-Vokabular imitierten Haberkorn und Wildenhain zudem Erich Honecker. Thematisiert wurde in dieser Glanznummer des Abends der Rauswurf von Uwe Steimle beim MDR, was die reizvolle Frage aufwarf, ob die Barhocker nun wirklich Honecker imitierten oder doch eher Steimle als Honecker-Imitator. Haberkorn stellte schließlich im Honecker-Duktus fest: "Genosse Steimle hat mich beleidigt, indem er mich so imitiert, das ich denke, ich war es selbst."

Dass trotz eigener Nummern der Dichter, Sänger und Komponist Georg Kreisler Dreh- und Angelpunkt des Abends blieb, gelang durch einen Abriss seines Lebens, der sich durchs Programm zog. Dazu gab's etliche Lieder wie "Sport ist gesund", "Meine Freiheit Deine Freiheit" und Kreislers wohl bekanntesten Song "Taubenvergiften". Haberkorn und Wildenhain erwiesen sich dabei als würdige Interpreten, die der Intention Kreislers nachspürten, ohne ihn eins zu eins zu kopieren. Das Ass im Ärmel war Hendrik Henker, der die Begleitung am Klavier unaufgeregt und stimmig besorgte, ohne seinen für dieses Programm eminent wichtigen Part in den Vordergrund zu schieben.

Der verstörende Start in den Abend ging am Oelsnitzer Publikum nicht spurlos vorbei. Mehrere Gäste meinten: "Das erste Lied geht gar nicht. Das sollten sie weglassen." Das kann man so sehen, allerdings bietet gerade "Schlag sie tot" eben auch das Potenzial zu zeigen, wie die Wirklichkeit selbst die bitterste Satire noch zu übertreffen vermag.

Insgesamt war es ein Abend, den man nur empfehlen kann. Allerdings nicht jedem. Bernd Neukirchner, ein regelmäßiger Gast und Kenner der Barhocker, beschreibt es treffend: "Es gibt viele Leute, die einfach herzhaft lachen und sich amüsieren wollen. Denen würde ich es nicht empfehlen. Wer bisher das Politische bei den Barhockern vermisst hat, der sollte hierher gehen. Man muss einfach wissen, dass das ein Kreisler-Abend ist. Das sind nicht die typischen Barhocker."

Die nächsten Vorstellungen der Barhocker sind bereits ausverkauft. Karten sind noch erhältlich für den 28. März, 23. Mai und 20./27. Juni. Los geht es jeweils 20 Uhr. Der Eintritt kostet 17 Euro.


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