Bolzplatz bleibt leer - trotz vieler Kinder

Wie entwickeln sich Ortsteile? Was läuft gut? Wo klemmt es? "Freie Presse" nimmt Dörfer der Region unter die Lupe. Heute: Oberdorf

Oberdorf/Stollberg.

Der Bolzplatz ist so ein Thema. Ein Sorgenthema. Die Tornetze sind kaputt. Die Schotterung ist alt. "Das Unkraut haben wir sonst immer mit Chemie bespritzt. Aber das wollen wir so nicht mehr machen", sagt Martin Heß. Die Oberdorfer müssen sich was einfallen lassen, wie sie die Probleme dort lösen. "Wir werden sie lösen."

Das Areal gehört der Stadt. Heß, der Ortschaftsrat, hofft auf finanzielle Hilfe aus dem Rathaus. Nicht die einzige Hoffnung. Denn der Bolzplatz wird zu selten genutzt. "Wenn dort mehr Kinder spielen würden, dann wäre zumindest auch weniger Unkraut." Heß feixt, wundert sich dann selbst über diese Logik. Doch die ist nicht unberechtigt. "Wir haben ja sehr viele Kinder im Ort. Bei der vergangenen Weihnachtsfeier waren etwa 40 da." Bei 374 Oberdorfern, so die offizielle Zahl laut Heß, sei das ein richtig guter Wert.


Achim Uhl nickt. Seine Kinder hätten auf dem Bolzplatz auch einst gespielt, die seien jetzt aber groß. Der sympathische Mann spricht einen lupenreinen schwäbischen Akzent, obgleich er schon seit 1995 in Oberdorf lebt. Ein richtiger Wossi. Einst Marktbereichsleiter von einem Dutzend Sparkassen-Filialen in der Region, betreibt er seit Jahren eine eigene Käserei im Ort. Er sitzt im Vorstand des Feuerwehrvereins.

Uhl gehört zu denen, die in dem kleinen Ortsteil leben - und dort auch ihr Geld verdienen. Da gibt es noch zwei Landwirte, einen Schmiedemeister, einen Karosseriebauer, einen Forellenzüchter. Aber eben auch viele, die ganz woanders arbeiten. "Ich war einst als Zugezogener die Ausnahme. Aber das hat sich geändert", sagt Achim Uhl. Er stellt es fest, ohne dies bewerten zu wollen. Heß ergänzt, dass mit dem alten Bebauungsplan für Oberdorf aus den 1990er-Jahren noch ein halbes Dutzend Eigenheime möglich seien. Die müssten erst einmal gebaut werden, dann wollten alle weitersehen.

Was beide Männer damit auch sagen wollen: Es sei wichtig, Oberdorf als dörfliches Ensemble - mit Gehöften in der Überzahl - möglichst breit zu erhalten. Uhl hat es so gemacht, einen alten Hof über die Jahre wieder runderneuert. "Aber uns ist da nicht bange, wir werden bei vielen Anliegen in der Stadt gehört", sagt Ortschaftsrat Heß. Doch die Oberdorfer müssen hartnäckig sein - einen richtigen Vertreter im Stadtrat hat der Ort nicht mehr, seit Günter Colditz zur jüngsten Wahl für das Kommunalparlament im Rathaus nicht mehr angetreten ist.

Im Mai werde jedes Jahr eine kritische Ortsbegehung gemacht, eine Liste erstellt, die dann in die Haushaltsplanungen der Stadt einfließen sollen. Heß: "Es sind Vorschläge, denn wir können das ja nicht beschließen. Aber jeder zweite wird eigentlich umgesetzt." Der Bolzplatz steht da drauf. Aber auch die Fassade des Feuerwehr-Gerätehauses. Oder der fast 30 Jahre alte Zaun, verwittert ist er, mehrere hundert Meter lang - auf dem großen Areal, dort, wo die Neuwürschnitzer Straße schon fast auf die Hartensteiner trifft.

Dort stehen auch die weißen, grünen und braunen Glascontainer, die aber oft überquellen, weil sie zu selten entleert werden. "Dafür ist die Stadt nicht zuständig. Ärgerlich ist es trotzdem. Und es betrifft eigentlich alle Dörfer hier, nicht nur uns. Es passiert immer nur was, wenn wir beim Entsorger anrufen", sagt Uhl. Es ist halt so: Kümmern muss man sich auf einem Dorf oft selbst.

Das klappt aber meist, sagt Martin Heß. Auch wenn das Kindersportfest mit Mitteldorf und Beutha eingeschlafen ist. Dafür wurde im vergangenen Jahr nach vielen Jahrzehnten beim Dorffest - dies läuft prima - wieder das legendäre Theaterstück "Die vorbildliche Schulklasse" aufgeführt - mit Beuthaer und Oberdorfer Beteiligung. Oder die riesige Wildpflanzen-Hecke. Der Oberdorfer Eric Liebold hatte das Projekt 2018 mit dem Naturschutzverein Grüne Aktion Westerzgebirge auf die Beine gestellt, 650 Büsche wurden gepflanzt.

Oder Irmgard Kaschl, die 83 Jahre zählt und als gute Seele im Dorf gilt. Die einstige Augenärztin ist erneut Ortschaftsrätin, auch Mitglied im Feuerwehrverein - und sie pflegt die Blumen am Ehrenmal der gefallen Soldaten des Ersten Weltkrieges. Heß: "Da lässt sie keinen anderen ran. Ganz tolle Frau."

Im Dorf hoffen nun alle, dass die Stadt die Hartensteiner Straße, die sich durch den langen Ort zieht, weiter saniert. Zwei Bauabschnitte sind fertig, der dritte soll irgendwann folgen - sobald es wieder Fördergelder gibt. Heß: "Wir wollen ja auch einen Gehweg. Sonst ist es zu gefährlich, bei der engen Straße." Ein Unfall sei zum Glück noch nicht passiert.

Er steht am Bolzplatz, zeigt ein dickes Loch im Tornetz. "Ab und zu spielen hier die Kinder", sagt er dann. Wie sonst soll das Loch dort reingekommen sein? Er lacht. Ist das logisch? Irgendwie schon. Und er denkt sicher: Das Netz reparieren, damit das Netz wieder kaputt gehen kann. Weil ja mehr Kinder spielen. Das wäre die Lösung. Eine doppelte.

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