Das Erwachen der neuen Wichtelstadt

Für den Annaberger Weihnachtsmarkt entsteht ein riesiges Kunstwerk. Gemalt wird es von Katrin Baumann, die daran monatelang arbeitet. Der Aufwand ist enorm - und das nicht nur für sie.

Annaberg-Buchholz/Elterlein.

Mit gebeugtem Rücken steht sie vor den großen Platten. Die linke Hand nimmt sie, um sich abzustützen - so kann die rechte ganz ruhig den Pinsel führen. Ast für Ast malt Katrin Baumann gerade auf den Untergrund, mal mit dunklem Braun, mal mit hellerem. Es entsteht ein Baum als eines von Hunderten Details der neuen Wichtelstadt, die sie für den Annaberger Weihnachtsmarkt zum Leben erweckt. Die studierte Textildesignerin arbeitet im Auftrag der Kreisstadt mit weiteren Beteiligten an dem riesigen Kunstwerk. Das Malen aber ist ganz allein ihre Sache: Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat. So entsteht eine neue Umgebung für den mechanischen Wichtelkalender mit seinen beweglichen Figuren. 55 Meter lang soll das Ganze einmal sein und am 1. Dezember eingeweiht werden.

Die Wichtelstadt wird eine Heimat für die kleinen Gesellen in der Korbmacherei, der Buchbinderei und den anderen Werkstätten. Eine Welt, wie Kinder sie sich erträumen würden. Da gibt es Häuschen mit einem Sammelsurium von Farben - Ockertöne und Gelb treffen etwa auf dunkles Blau und warmes Orange. Es gibt gestreifte Wände in Violett-Tönen, an anderer Stelle reiht sich eine gemalte Dachschindel an die andere, alle separat umrandet. Die Nadelbäume sind Prachtexemplare und bis ganz nach unten voll mit Zweigen. Dafür hat Katrin Baumann runde Formen gewählt, die mit Grün- und Blautönen gefüllt werden. "Alles muss aussehen wie aus einem Guss", sagt sie. Daher greift sie nicht nur zum Pinsel, sondern tupft die Farbe auch mit dem Finger zurecht. Neben sich stets ihre Farbtöpfchen mit speziellen Dickschichtlasuren, die sie vorher je nach Motiv zusammengestellt hat.

Ehe sie überhaupt loslegen kann, ist jede der 1 mal 2,50 Meter großen Platten schon durch andere Hände gegangen. Das gilt auch für die Aufsätze, die dafür entstehen, es werden mehrere Ebenen geschaffen. Die Basis für die Wichtelstadt sind kleinere Zeichnungen, die die Künstlerin mit Finelinern angefertigt hat. Sie werden von einem Unternehmen eingescannt. Dieser und weitere Schritte ermöglichen es, Grundstrukturen wie Häuser und Dächer auf die Dreischicht-Platten aufzudrucken. Katrin Baumann nutzt das beim Malen als Vorlage für die Proportionen.

Schon vorher kommt wiederum Tischlermeister Klaus Apfelstädt ins Spiel, der die Platten zuschneidet, vorbereitet und deren Oberflächen behandelt. Er bringt später zudem eine erste Farblasur als Untergrund auf. "Ich treibe ihn vor mir her", erklärt Katrin Baumann. Sie darf das so locker sagen - schließlich ist der Tischlermeister ihr Mann. Sohn Till, der in Schneeberg Möbel- und Produktdesign studiert, ist ebenso in das Projekt eingebunden. Eine ganze Familie im Wichtelstadt-Ausnahmezustand. Und andere mit ihnen - schließlich soll es auch einen Sternenhimmel mit Beleuchtung geben, für die ein Unternehmen in der Kreisstadt zuständig ist. Dort werden zudem die Gestelle für die Wichtelwerkstätten erneuert. Im Auftrag der Stadt sollen diese auch repariert und überarbeitet werden.

Zurück zu Katrin Baumann und ihrem Plattenplan. Ja - den gibt es wirklich. Sie hat ihn immer zur Hand, um zu sehen, wo sie welche Details malen muss. Aktueller Stand: Platte Nummer 21 von insgesamt 44 ist fertig, die Platten 22 und 23 sind in Arbeit. Auf ihnen entsteht eine Landschaft mit dem Schreckenbergturm bei Frohnau. Betrachter werden so manches Detail wiedererkennen - auch wenn die Wichtelstadt in Teilen fiktiv ist. "Ich habe aber alte Postkarten und Fotos von Annaberg-Buchholz und seiner Umgebung gesammelt und mich davon inspirieren lassen", sagt die Elterleinerin.

Meist hat sie drei große Platten für den Überblick vor sich, bei Landschaften sind es vier. "Die Wichtelstadt ist ein halbes Jahr lang mein Leben - und das meiner Familie auch", sagt sie. Zwar ist das Malen reine Handarbeit - aber Computertechnik ist für das Projekt unerlässlich. Etwa um die Ausschnitte für die Wichtelkisten festzulegen und herauszufräsen, obwohl auch dabei am Schluss von Hand nachjustiert wird. Im Übrigen hat Katrin Baumann zwei der kleinen beweglichen Bewohner immer vor Augen - damit am Ende alles zusammenpasst. "Die Korbmacher sind die Aufsichtswichtel", sagt sie und lacht. Die Miniatur-Werkstatt - ein Kästchen des 24-teiligen Wichtelkalenders - steht auf einem Stuhl neben ihrer Arbeitsfläche. Neben den Platten kommt später im Übrigen noch eine besondere Gestaltung für den Bereich der Bushaltestelle als Teil der neuen Kulisse am Weihnachtsmarkt hinzu.

Warum überhaupt Wichtel in Annaberg-Buchholz? Dieses Konzept ist schon vor Jahren entwickelt worden - dank Ideengeber Eckard Tanzhaus und weiteren Beteiligten. Bestandteile davon sind etwa eine Wichtelbackstube und eine Wichtelbastelstube auf dem Weihnachtsmarkt - alles Mitmach-Angebote für Kinder. Die Wichtelstadt kommt nun hinzu. Und die Initiatoren versprechen: Fortsetzung folgt. Für die aktuellen Arbeiten hatte der Stadtrat mehrheitlich fast 116.000 Euro bewilligt. Denn der Wettbewerb unter Weihnachtsmärkten sei hart, erklärte Franziska Herzig, Leiterin des städtischen Fachbereichs für Kultur, Tourismus und Marketing. Im Auftrag der Stadt gibt es nun auch eine Video-Dokumentation über das Entstehen der Wichtelstadt. Der erste Teil ist bereits zu sehen, der nächste folgt am 21. September.

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