Der Lugauer und der Ur-Ur-Großvater

Karl Friedrich Wilhelm Uhlmann war einer der 101 Toten des Lugauer Bergwerkdramas vom 1. Juli 1867. Gottfried Mehlhorn lebt heute etwa zwei Kilometer vom damaligen Unglücksort entfernt. Doch was verbindet die Männer noch - trotz 150 Jahre Zeitunterschied?

Lugau.

Gottfried Mehlhorn bleibt ganz ruhig. "Ich vergieße keine Tränen, wenn ich über ihn rede. Aber ich empfinde eine besondere Bergmannsehre im Herzen." Das sagt der Lugauer, wenn er auf einen gewissen Karl Friedrich Wilhelm Uhlmann angesprochen wird.

Das Schicksal hat beide Männer für immer miteinander verbunden - auch wenn 150 Jahre zwischen ihnen liegen. Uhlmann war Bergmann, Mehlhorn auch. Uhlmann ist beim großen Lugauer Grubenunglück am 1. Juli 1867 jämmerlich in 400 Meter Tiefe erstickt. Mehlhorn hat auch eine Katastrophe unter Tage erleben müssen. Und: Ohne Uhlmann würde es Mehlhorn nicht geben. Der eine ist der Ur-Ur-Großvater des anderen.

Nur: Das war dem heutigen 80-jährigen Lugauer so lange nicht bewusst. Gut, Mutter Martha hatte zwar mal erwähnt, dass 1867 auch ein Verwandter der Familie umgekommen sei, aber sonst wurde nicht gerade viel davon erzählt. Erst ein einst erstellter und nun genauer angeschauter Stammbaum der Familie brachte Gewissheit: Einer der Namen, die auf dem Gedenkobelisken nahe der Lugauer Kirche stehen und die 101 Todesopfer von 1867 in Ehren halten und vor dem Vergessen bewahren sollen, ist der Ur-Ur-Großvater Mehlhorns. Irgendwo nahe des Obelisken liegen noch die Gebeine der toten Bergmänner - bis auf einen, der später nie gefunden wurde.

Doch was war damals geschehen? An jenem 1. Juli 1867 ereignete sich auf der "Neuen Fundgrube" eine der schwersten Grubenkatastrophen des deutschen Bergbaues. Durch das unmittelbare Ausbrechen der Schachtwandung - hauptsächlich in einer Tiefe von etwa 70 bis 100 Metern - stürzten Gesteinsmassen zusammen mit der dadurch freigestellten Zimmerung in den Schacht und verschlossen diesen einzigen Tagesausgang. Die Bergleute der Frühschicht waren hoffnungslos gefangen.

Mehlhorn sitzt vor einem großen, grün eingebundenen Buch. Einem Nachdruck einer 1936er-Ausgabe. "Die Entwicklung des Steinkohlebergbaus im erzgebirgischen ecken." Die 101 Toten seien die eine Seite des Unglücks, sagt Mehlhorn. Die andere Seite: An jenem Montag kamen auch 40 zumeist jüngere Männer mit dem Leben davon. "Nach dem sonntäglichen Besuch des Vogelschießens in Gersdorf fuhren sie nicht ein", sagt Mehlhorn. Und dann sagt er noch: Sein Ur-Ur-Großvater sei aber nicht in dieser F-Schicht gewesen.

Mehlhorn ist selbst so viele Jahre Bergmann gewesen, kennt seine einstigen Kontrollnummern, als ob er noch immer einfahren würde. Erst die 6112, später dann die 8112 und schließlich die 4925. Was er nie vergessen wird: Das verheerende Grubenunglück von Zwickau vom 22. Februar 1960, das schwerste in der Geschichte der DDR. Der Brand nach einer Schlagwetter- und Kohlenstaubexplosion hatte 174 Bergleute in mehr als 1000 Meter unter Tage eingeschlossen. "Insgesamt 123 Bergleute starben. Ich habe so viele Tote und Verletzte gesehen, das verfolgt mich mein ganzes Leben", sagt Mehlhorn leise. Er gehörte zu den Rettungsleuten, die vor Ort rund um die Uhr im Einsatz waren. "Da waren auch die Leute mit den Klapp-Ausweisen", erinnert sich Mehlhorn und spricht von der Stasi. "Die Trauerrede von Otto Grotewohl damals in Zwickau, die war einfach herzzerreißend."

Das Erlebte verbindet den Lugauer auch mit seinem Ur-Ur-Großvater. Morgen wird in Lugau der Toten von 1867 gedacht. Es ist der 150. Jahrestag. Um 12.15 Uhr ist auch eine Bergparade vom Markt zur Kirche. Mehlhorn lief dort Jahrzehnte mit. Doch das ist vorbei. Die Beine des 80-Jährigen machen nicht mehr so mit. Aber dabei sein wird er. Auch wegen seines Ur-Ur-Großvaters.

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