Druck auf private Waldbesitzer wächst

Der ausschwärmende Borkenkäfer bringt Privatwald-Eigentümer in die Bredouille. Der Landkreis droht mit Ordnungsmaßnahmen, falls der Schädling nicht vor dem Ausschwärmen bekämpft wird. Doch das schaffen selbst die Profis im Sachsenforst nicht.

Stollberg/Zschopau.

Im Erzgebirgswald tickt eine Zeitbombe. Extreme Trockenheit hat im vergangenen Jahr die Fichtenbestände geschwächt und für den Befall von Holzschädlingen anfällig gemacht. Hinzu kommen noch nicht aufbereitete Sturm- und Schneebruchschäden. Die Borkenkäferpopulation hat sich im vergangenen Jahr extrem rasant entwickelt. Fachleute befürchten deshalb nach der Winterruhe eine erneute Massenvermehrung bislang unbekannten Ausmaßes.

Angesichts der Bedrohung hat der Erzgebirgskreis mit einer Allgemeinverfügung reagiert, die Erfassung und Bekämpfung von Nadelholzborkenkäfern im Privat- und Körperschaftswald regelt. Waldbesitzer sind demnach verpflichtet, Käferbefall bei der unteren Forstbehörde zu melden. Noch vor dem Ausflug der Käfer sollen befallene Bäume aufgearbeitet und aus dem Wald gebracht oder alternativ entrindet und die Rinde mit geeigneten Mitteln entsorgt werden.

Torsten Kleditzsch

Die Nachrichten des Tages:Der „Freie Presse“-Newsletter von Chefredakteur Torsten Kleditzsch

kostenlos bestellen

Doch das scheint nicht einmal den Profis zu gelingen. "Wir hatten das Wurf- und Bruchholz nach den Sturmtiefs Herwart im Oktober 2017 und Friederike im Januar 2018 rechtzeitig aufgearbeitet und verkauft. Doch dann folgten noch zahlreiche weitere Stürmen und Anfang des Jahres 2019 ein massiver Schneebruch", hadert Revierförster Michael Melzer. Das sei selbst mit allen verfügbaren Kräften nicht zu schaffen. Denn neben den Wipfelbrüchen am Waldboden müssen auch die "Masten" mit zu wenig grünen Ästen gefällt werden. "Allerdings muss man mit Augenmaß vorgehen und genau hinsehen." Das ist zeitaufwendig und nicht die einzige Aufgabe, die zurzeit im Forst auf dem Plan steht. "Daran scheitern wir", sagt Melzer. Zumal die Zeit drängt. Denn die Flugsaison der Borkenkäfer hat bereits begonnen - beliebter Nistplatz: das Wurf- und Bruchholz am Waldboden. Nisten sich die Insekten dort ein, ist es eine Frage der Zeit, bis sie sich weiter verbreiten. "Dann reichen zum zweiten Schwarmflug im Sommer ein paar heiße und dürre Wochen", sagt Melzer.

Die prekäre wirtschaftliche Situation tut ihr übriges. Die Preise für Nadelrundholz sind laut Landratsamt wegen der großen Schadholzmengen um mindestens 50 Prozent eingebrochen. Wegen Stürmen und Käferbefall schlug der Sachsenforst schon im Vorjahr 50 Prozent mehr Holz ein, als regulär geplant war. Nach den jüngsten Schneebruch- und Sturmschäden ist auch in diesem Jahr keine nachhaltige Verbesserung zu erwarten, sagt André Beuthner von der Pressestelle des Landratsamtes. Besonders betroffen sind private Besitzer. Denn die können kaum noch mit kostendeckenden Holzerlösen rechnen, räumt der Pressesprecher ein. Mit der jetzt vom Landratsamt erlassenen Verfügung dürfte der Druck auf die Eigentümer von Privat- und Körperschaftswald weiter wachsen. Darin droht der Landkreis mit Ersatzvornahmen oder einer Geldbuße von bis zu 50.000 Euro, falls die Holzschädlinge nicht oder nicht ausreichend bekämpft werden.

Ob die bürokratischen Druckmittel ausreichen werden, um das Problem in den Griff zu bekommen, das sieht Melzer kritisch. Er hält die Verfügung für lediglich ein ordnungsrechtliches Instrument und fordert eine umfassende Forststrategie. "Wir müssen alle verfügbaren Kräfte auf der Fläche bündeln", sagt er und weist auf ein grundsätzliches Problem hin: "Wir bewirtschaften seit über 200 Jahren unsere Forste wie Plantagen (alter Begriff "Holzäcker"). Diese sind in ihrer Selbstregulation begrenzt." Das werde nicht ohne Folgen bleiben. Seiner Einschätzung nach wird die Fichte im Tief- und Hügelland bis 450 Meter nicht zu halten sein. Ein wenig mehr Hoffnung hat er für die mittleren Höhenlagen bis 700 Meter, zu der auch sein Revier rund um Stollberg gehört. "Die mittleren und alten Bestände werden es nur schwer über die nächsten Jahrzehnte schaffen", prognostiziert Melzer.


Feuchte Witterung kann Massenvermehrung bremsen

Der trockene Sommer 2018 hat zur Massenvermehrung des Borkenkäfers geführt. Nachdem der Holzschädling im Winterhalbjahr eine Pause einlegte, ist die Gefahr hoch, dass sich die Massenvermehrung demnächst fortsetzt. Eine hohe Anzahl an Käfern hat überwintert. Das ist in allen Entwicklungsstadien möglich, im Boden, in der Baumrinde oder im Schadholz.

Aktiv wird der Käfer bei einer Temperatur von rund 16 Grad Celsius. Fachleute gehen davon aus, dass um Ostern herum der Schwarmflug beginnt. Ausbremsen kann ihn noch das Wetter. "Niederschlag würde helfen", sagt Revierförster Michael Melzer. "Aber danach sieht es im Laufe des Aprils wohl eher nicht mehr aus." (mik/bjost)

Bewertung des Artikels: Ø 4.5 Sterne bei 2 Bewertungen
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...