"E-Mails sind nicht handkoloriert"

Eigenes Motiv statt Design-Vorlage. Handgemachter Druck aus der eigenen Werkstatt statt Serien-E-Mail. In Künstlerkreisen gibts zum Jahreswechsel Grüße mit Sammlerwert.

Oelsnitz/Gersdorf/Thalheim.

Alexander Stoll rückt als Galerieleiter des Heinrich-Hartmann-Hauses, als Kurator der Sammlung Erzgebirgischer Landschaftskunst und der Neuen Sächsischen Galerie in Chemnitz andere Künstler ins Rampenlicht. Für eigene Werke bleibt da wenig Zeit. Einmal im Jahr allerdings flattert guten Bekannten und Freunden eine Arbeit von ihm ins Haus, denn seit seinen Studentenzeiten folgt der 1975 geborene Kunsthistoriker einer guten Tradition unter Künstlern: Er gestaltet individuelle Neujahrsgrüße. Und damit ist Alexander Stoll nicht allein.

Noch ist nicht sicher, was genau in diesem Jahr auf der Karte zu sehen ist. Wohin die Reise stilistisch geht, ist indes klar: Alexander Stoll versendet stets eine Karikatur. "Gedruckt werden sie schwarz-weiß. An besonders gute Freunde schicke ich sie allerdings handkoloriert. Das ist eine schöne, meditative Tätigkeit zwischen den Feiertagen." Auch wenn die Karten quasi erst auf den letzten Pfiff fertig werden, versichert Stoll, dass er die Ideen dafür lange mit sich herumträgt: "Ich weiß ja, dass ich eine gute Idee brauche. Derzeit schwanke ich noch zwischen zwei Motiven." An der Umsetzung wird dann gefeilt: "Wenn man eine Idee zu lange mit sich herumträgt, packt man manchmal zu viel hinein. Ich versuche deshalb, es weitgehend zu reduzieren. Weniger ist da oftmals mehr."

Eine klare, reduzierte Bildsprache gibt es auch bei der in Erlbach-Kirchberg geborenen Ilona Lommatzsch, einer Großcousine des 2018 verstorbenen Lugauer Malers und Grafikers Klaus Hirsch. "Klaus hat immer zu mir gesagt: Es darf nicht modisch sein. Damit meinte er, es muss zeichnerisch ansprechen, darf aber nicht oberflächlich sein." Ilona Lommatzsch versendet seit jeher Druckgrafiken. Ihre erste Neujahrskarte hat sie als Studentin im Jahr 1973 als Linolschnitt gestaltet. "Versendet haben wir sie damals vor allem, weil wir gern solche Grafiken von anderen Künstlern haben wollten. Teilweise hat das auch geklappt, darauf waren wir dann schon stolz." Den Linolschnitt verwendet sie bis heute vorrangig, auch wenn es zwischendurch Ausflüge zu Ätzradierung und Kaltnadelradierung gab. Anfangs gab es die Karten wegen der beruflichen und familiären Verpflichtungen nur sporadisch, erst seit 1983 werden sie jedes Jahr verschickt. Unmittelbaren Bezug zu Weihnacht und Neujahr hat nicht das Motiv, sondern der dazugehörende Spruch. In diesem Jahr heißt es zum Motiv des Storchennestes auf einem Fachwerkhaus: "Gute Aussichten für 2019". Außerdem finden sich von Anfang an auf jeder Karte die Initialen "PF". Sie stehen für das französische "pour felicité", dem Wunsch nach Glückseligkeit im neuen Jahr. Der Vorteil der Drucktechnik: In diesem Jahr gibt es die Karte in vier Farbvarianten.

Individuell und aufwendig sind auch die Neujahrsgrüße, die Wolfgang Ulbig aus Thalheim seit 2013 verschickt. Seine Technik ist der Tetradruck. Gezeichnet wird dabei auf ausrangierte Milch- oder Safttüten. Der Druck mit Linoldruckfarben entsteht mit dem Nudelholz am Küchentisch. Doch die etwa 100 Karten sind bei Ulbig nur die halbe Wahrheit: Seit 2014 versendet er daneben 15 Kalender an ausgewählte Freunde und Galerien. "Es hat sich herauskristallisiert, dass manche Leute regelrecht darauf warten." Auch Ulbig erwartet die Weihnachtspost sehnsüchtig: "Solange die erwarteten Karten nicht da sind, ist Weihnachten für mich nicht perfekt." Für ihn selbst ist die Weihnachtspost eine Ganzjahresaufgabe. Der Grund für die Mühe: "Ich will kreativ sein und etwas Eigenes herstellen. Es soll nicht nur das sein, was in der Werbung ist."

Dazu kommt wohl für alle Künstler die Freude, diese besonderen Botschaften aus dem Briefkasten zu holen. "Eine Karte ist eine Karte. E-Mails sind nicht handkoloriert", sagt Alexander Stoll. Doch der Kunsthistoriker versteht auch, dass inzwischen weniger solche persönlichen Grüße verschickt werden. "Das Porto ist für viele inzwischen ein Problem geworden. Früher haben manche ja über 100 Karten verschickt", meint er.

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