Familienleben im Ausnahmezustand

Silke und Helge Krauß wohnen mit ihrem schwerstbehinderten Sohn Julian in einem baufälligen Haus in Crottendorf. In diesem Jahr erhielt zudem der Vater die Diagnose Krebs. "Leser helfen" will die Drei unterstützen - ebenso eine alleinerziehende Mutter mit ihrem pflegebedürftigen Sohn Tim.

Crottendorf/Zschopau.

Von Anfang an war er ein Kämpfer. Julian, heute zwölf Jahre alt, kam am 13. Juli 2007 viel zu früh auf die Welt. In der 23. Schwangerschaftswoche geboren, wog er nur 660 Gramm und war 30 Zentimeter groß. Die Ärzte mussten um sein Leben ringen. "Und er hat mitgemacht", sagt seine Mama, Silke Krauß. "Seit dieser Zeit kämpfen wir als ganze Familie", erzählt die Crottendorferin. Mit ihrem Mann Helge versucht sie, das Beste für ihren schwerstbehinderten Sohn, der im Rollstuhl sitzt, zu tun. Doch die Lebensumstände in ihrem baufälligen Haus sind schwierig. In diesem Jahr traf die Drei ein weiterer Schicksalsschlag: Bei Helge Krauß wurde Darmkrebs diagnostiziert, die Chemotherapie dauert noch an. Die Familie ist in einer Ausnahmesituation. "Leser helfen" - eine Spendenaktion der "Freien Presse" - will sie wie auch eine weitere Familie im Erzgebirge unterstützen.

Das größte Problem der Crottendorfer ist ihre Wohnsituation. Eigentlich wollte Helge Krauß das Erdgeschoss ihres Hauses behindertengerecht umbauen, hat damit auch begonnen. Doch weitermachen kann er durch seine schwere Krankheit nicht. Die Familie lebt vor allem in kleinen Räumen im Obergeschoss, das Wohnzimmer ist zugleich Schlafraum für Julian und seine Mutter. Am meisten aber fehlt ein behindertengerechtes Bad - der Junge wird nur mithilfe einer Schüssel gewaschen. Solange er klein war, konnten ihn seine Eltern noch über die enge Treppe ins alte Bad im Untergeschoss bringen und in die Wanne legen. Doch das ist nicht mehr möglich. Es gibt einen weiteren Problemfall: das undichte alte Dach. "Bei starkem Niederschlag regnet es rein", schildert Helge Krauß.

Familie Krauß muss trotz allem im Alltag funktionieren. Julian besucht wochentags die Christian-Felix-Weiße-Schule in Kleinrückerswalde - eine spezielle Einrichtung mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Wegen Problemen mit seinem Rollstuhl kann zurzeit der Fahrdienst nicht genutzt werden, bringt ihn Silke Krauß vor der Arbeit hin und holt ihn danach wieder ab. Sie ist im Crottendorfer Werk der Hoppe-Gruppe beschäftigt, arbeitet fünf Stunden pro Tag in der Produktion des Herstellers von Beschlagsystemen.

Auf Hilfe hofft auch Mandy Grund, die mit ihrem schwerst mehrfach geschädigten Sohn Tim in Zschopau lebt. Es sind die kleinen Dinge, die dem Zwölfjährigen Freude bereiten. Wenn er die Gegenwart anderer Menschen wahrnimmt, wird er richtig munter. "Tim hat gern Menschen um sich. Doch dazu hat er kaum noch die Möglichkeit", sagt Melanie Hentschel. Die Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin der ambulanten Kinderintensivpflege der Chemnitzer Heim gGmbH kennt Tim seit 2011. Er leidet unter anderem an Epilepsie, Schluckstörungen und chronischer Lungenentzündung, muss rund um die Uhr versorgt werden.

Frische Luft kann er bis auf kurze Spaziergänge fast nur vom Balkon aus genießen. "Da er weder frei sitzen noch stehen oder laufen kann, ist er auch bei der Beförderung auf seinen Spezialrollstuhl angewiesen. Dieser ist jedoch zu groß für mein Auto. Es gibt nur wenige Transporter, in die Tim damit gefahren werden könnte, beispielsweise in einen VW Caddy", sagt Mandy Grund. Doch der Kauf und die Umrüstung eines derartigen Fahrzeugs würden die Möglichkeiten der allein erziehenden Mutter überschreiten.

1Kommentare

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    ishka10
    13.12.2019

    Sehr geehrte Damen und Herren
    In Bezug auf Ihre Aktion "Leser helfen", möchte ich Ihnen folgendes mitteilen
    bzw. habe hier das Bedürfnis dies zu schreiben, in der Hoffnung es ändert sich etwas.
    Die Aktion, welche Sie ins Leben gerufen haben finde ich super. Hier ist nur anzumerken, sollte so etwas in unserem Deutschland eigentlich stattfinden.
    Man sucht Händeringend nach Pflegepersonal, beachtet aber die vielen Angehörigen, welche Mühsam und mit viel Selbstaufgabe Ihre Angehörigen Pflegen und nebenbei auch noch arbeiten müssen um Ihren Lebensunterhalt und die sowieso schon klein Rente zu sichern, in keinster Weise.
    Hier wird das Pflegegeld gerühmt, welches Vorn und Hinten nicht reicht.
    Wenn man von heute auf morgen einen Angehörigen pflegen muss .
    Hier wäre doch die Überlegung den Angehörigen mehr Leistungen zukommen zu lassen bzw. diesen die Entscheidung dadurch selbst zu überlassen, ob man den Angehörigen zu Hause selbst Pflegen möchte oder nicht. Mit einem Pflegegeld von 316,00 Euro pro Monat kann man diese Entscheidung nicht treffen. Hier haben die Angehörigen nur die Wahl, wenn man seine Liebsten zu Hause pflegen will, arbeiten zu gehen und irgendwie den Spagat zwischen Arbeiten, Pflege und eventuell auch noch zu versorgende Kinder welche mit in der Familie leben zu schaffen und vor allem muss man hier dann auch noch aufpassen, dass man nicht selbst unter die Räder kommt.
    Bei einer Thomas Cook Pleite sind Miliarden Gelder vorhanden um Urlaubsreisenden die Gelder welche Sie verloren haben zurück zu erstatten.
    Bei den Angehörigen von zu Pflegenden wird hier nicht einmal gefragt oder
    darüber nachgedacht, wie sich hier etwas wirklich Sinnvolles ändern könnte.
    Hier ist anzumerken, dass ich weiß wovon ich spreche, da ich selbst meinen Mann
    pflege. Wir haben eine Firma gemeinsam geführt und er hat 25 Jahre in dieses System eingezahlt und war arbeitslos. Eine eigene Zusatzversicherung war nicht
    möglich da mein Mann auch noch Diabetiker ist und man wenn man chronisch krank ist keine oder nur zu teure Versicherungen bekommt die sich keiner leisten kann. Das ist für unsere Regierung einfach zu sagen man soll hier selbst
    vorsorgen.

    Das ganze System der Pflege ist einfach auch zu kompliziert, als das man als Angehöriger, welcher man sowieso schon rund um die Uhr mit Sorge erfüllt ist dann auch noch sich mit dem Behördendschungel auseinanderzusetzen und jede kleinste Ecke ausfindig zu machen, was einem noch Zusteht.
    Dies muss von allein durch unsere Regierung geregelt und organisiert werden .
    Hier muss sich dringend etwas ändern und unsere Regierung muss hier mit den
    Angehörigen in diesem Bereich viel mehr zusammenarbeiten.

    Mit freundlichen Grüßen
    A.Müller