Fürs Gersdorfer Jubiläum lassen Frauen die Puppen tanzen

Gersdorf macht sich fürs Ortsjubiläum "850 Jahre" schick. Schützenhilfe für die Gartendekoration kommt aus Hohenstein-Ernstthal. Neun ehemalige Näherinnen treten dafür aufs "Gaspedal".

Gersdorf.

Ute Barthel weiß nicht, wie viele Badeanzüge, Bikinis und Badehosen sie in DDR-Zeiten als Näherin in der Fabrik der "Oberlungwitzer Bademoden", kurz Oluba, hergestellt hat. "Wir haben damals im Akkord gearbeitet", sagt sie. Heute kann sich die 66-Jährige etwas mehr Zeit lassen, wenn sie dreimal pro Woche für ein paar Stunden an der Nähmaschine sitzt. Die Stoffkameraden, die in der Näherei des Beratungszentrums für Soziales "Halt" hergestellt werden, sind geduldig. Zu viel Zeit hat die neunköpfige Mannschaft aber auch nicht mehr, die Bestellungen fürs Ortsjubiläum "850 Jahre Gersdorf" abzuarbeiten.

75 Puppen in Lebensgröße stehen auf der Bestellliste. "Männer, Frauen und bisher nur drei Kinder", sagt Ute Barthel. Ihre Stoffkameraden werden schon bald als Bäcker, Feuerwehrmann, Köchin, Kleingärtner oder Bergmann in den Vorgärten der Gersdorfer Grundstücke sitzen, wenn in der Festwoche vom 22. bis 30. Juni im Ort der Bär steppt. Lebensgroße Puppen zu produzieren, ist für die muntere Truppe nichts Neues. Nicht zum ersten Mal stellt die muntere Frauenriege so etwas her. In den umliegenden Gemeinden hat sich der Service der Seniorinnen herumgesprochen. Bei jedem Ortsjubiläum kommen die Anfragen. Der erste Gersdorfer meldete sich bereits im Oktober 2018. Nun hat die Nähstube wieder Hochkonjunktur. "Wir sind fast alle ehemalige Kolleginnen. Da kannst du jede von ihnen bedenkenlos an die Nähmaschine setzen. Die nähen dir alles", sagt Ute Barthel. "Im Unterschied zur Oluba ist hier außerdem alles eine Konfektionsgröße." Die Frauen haben längst Routine und die Herstellung über die Jahre hinweg immer mehr perfektioniert.


Eigentlich sieht alles ganz einfach aus. Der Torso besteht aus alten Schaumstoffmatratzen. Die bringen die Frauen von zu Hause, von Bekannten und Verwandten mit. Fürs Zuschneiden gibt es Schablonen, für den Torso ebenso wie für die Stoffhülle, die später den Kopf darstellt. Beine und Arme bestehen aus gefüllten Damenstrumpfhosen. Die stopfen die Frauen mit Resten aus der Steppdeckenfabrikation der Waldenburger Bettwaren GmbH aus. Das Malen der Gesichter ist allerdings Chefsache beziehungsweise Chefinnensache. Vereinsvorsitzende Ines Schlösser lebt dabei ihre künstlerische Begabung aus. Mit und ohne Bart, blaue oder grüne Augen, Herzchenmund oder verkniffene Strichlippen - der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Für den Service bekommen die Frauen keinen Cent, die komplette Näherei läuft ehrenamtlich. "Wir machen das auch nicht wegen des Geldes", sagt Evelin Leonhardt. "Das macht einfach Spaß. Wir sind eine tolle Truppe." Immerhin: die älteste Mitstreiterin, Ute Möckel, bringt es bereits auf 78 Lenze. Sie zieht es immer noch in die Oststraße 23a, wo sich die Vereinsräume des "Halt" befinden. Und die Chefin der Flickstube, Ute Barthel, hätte zu Hause sicherlich auch genug zu tun. "Aber das ist doch hier viel besser, als zu Hause allein vor sich hin zu werkeln. Hier siehst du etwas unter deinen Händen entstehen. Außerdem machen wir zusammen Frühstück, Mittag und feiern auch mal gemeinsam Geburtstag", sagt sie.

Um eines macht sich Ute Barthel aber Sorgen. "Hoffentlich kommen keine Bestellungen mehr rein. So langsam geht uns nämlich das Material aus."

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