Laub bringt Kommunen in Zwickmühle

Werden Blätterhaufen auf Grünflächen entsorgt, geht ein potenzieller Unterschlupf für Igel verloren. Bleiben sie liegen, gefällt das auch nicht allen. Wie gehen die Bauhöfe damit um?

Stollberg.

Für Igel wird es langsam eng. Der Eindruck entsteht zumindest, wenn man mit Kathrin Effenberger spricht. Sie betreibt nach eigenen Angaben die einzige Igelstation im Erzgebirgskreis. Dort werden Tiere betreut, die krank, verletzt oder zu schwach sind, um ohne Hilfe zu überleben. Igel müssten mit immer weniger Lebensraum auskommen, meint Effenberger "Alles wird zugepflastert, Gärten aufgeräumt, Biotope zerrissen."

Laubhaufen, das wissen nicht nur Igelspezialisten, bieten den Wildtieren Schutz, sobald es in den Winterschlaf geht. Doch Lesern dieser Zeitung ist nun aufgefallen, dass Herbstblätter in einigen Orten nicht nur von Wegen und Straße gesaugt werden, sondern auch von den Grünflächen in Parks. Und mit jedem Haufen geht eine potenzieller Unterschlupf für Igel verloren.

Ist es wirklich so schlimm? Die "Freie Presse" hat bei Verwaltungen im Erzgebirge nachgefragt, wie sie Laub von öffentlichen Plätzen entfernen und ob sie dabei auf Igel und andere Tiere Rücksicht nehmen. Angeschrieben wurden die Rathäuser in Thalheim, Jahnsdorf, Marienberg, Zwönitz, Oelsnitz, Olbernhau, Zschopau, Aue, Schwarzenberg und Annaberg-Buchholz.

Vorbildlich ist die Praxis zum Beispiel in Jahnsdorf. Laut Bürgermeister Albrecht Spindler gibt es zwar keine größeren Parkanlagen in der Gemeinde. Aber am Rande des Schulparks in Leukersdorf oder im Park am Friedensweg sowie an der Straße der Jugend bleibt das Laub oft bis zur nächsten Grasmahd im Frühjahr. "Damit haben dann auch Kleintiere ein Winterquartier", sagt Spindler. Ähnlich läuft es in Zwönitz. Bürgermeister Wolfgang Triebert versichert, dass der Bauhof im Austelpark lediglich die Wege beräumt. Anders in Thalheim: "Da wir sehr viele Straßen und wenige Parks haben, wird das meiste gesammelt und entsprechend entsorgt", sagt Bürgermeister Nico Dittmann. "Einzig im Park neben dem Waldstadion versuchen wir nur die Wege zu beräumen." Zudem, so Dittmann, will die Verwaltung ab 2019 mehr für den Naturschutz tun, Insektenhotels bauen und Grünflächen schonender mähen.

Andere Kommunen weisen darauf hin, dass Laub nicht einfach so liegen bleiben darf. Der Wind bläst es wieder auf die Straße, was zu Rutschgefahr führen kann. Die Blätter könnten Einläufe verstopfen. Argumente, die sich schwer von der Hand weisen lassen.

Und es gibt noch mehr Gründe, die gegen Laubhaufen sprechen, erklärt Kay Meister, der in Pobershau ehrenamtlich für den Verein "Natura Miriquidica" arbeitet: Die Haufen verwandeln sich in Kompost, und nach einer Weile entsteht das, was er "wilde Ecken" nennt. Naturfreunden dürfte das gefallen. Aber Bürger, die es gern hübsch und ansehnlich haben, würden sich daran stoßen. Die Kommunen sind also in einer Zwickmühle. Einen ausgewogenen Ansatz beobachtet Kay Meister in Marienberg: Während einige Parks, wie etwa der an der Kaserne, eher im naturbelassenen Zustand bleiben, werden andere intensiver gepflegt.

Igelschutz ist jedoch nicht nur eine Aufgabe der Gemeinden und Städte. Auch Privatleute können etwas tun. Der Verein Pro Igel rät Gartenbesitzern, Wasserstellen einzurichten, auf Chemie zu verzichten und nur einen Teil der Grasfläche zu mähen. Kay Meister organisiert seit einiger Zeit Projekte in Schulen, um Kindern zu zeigen, wie sie Igelhäuser bauen können.

Einen kranken oder verletzten Igel zu pflegen, erfordert allerdings viel Einsatz, Wissen und Erfahrung. Laut Kathrin Effenberger sind die Igel meist in gutem Zustand, wenn sie mehr als 500 Gramm auf die Waage bringen. Wiegt der Igel weniger, hilft laut Effenberger nur eins: "Füttern, füttern, füttern." Und zwar nicht etwa Schnecken und Milch, sondern Katzenfutter und Wasser.

In Notfällen können die Igel auch in die Lugauer Station gebracht werden. Dort pflegt Kathrin Effenberger derzeit mehr als 80 Tiere. Mitunter kämen sogar Menschen aus Chemnitz oder Dresden, um Igel bei ihr abzugeben. Doch egal, ob und wie sich Naturfreunde engagieren, für Kathrin Effenberger steht fest: Früher oder später muss man die Tiere wieder freilassen. "Der Igel ist ein Wildtier. Er gehört in die Natur." www.pro-igel.de

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