Nach Totschlag: Familie spricht über den mutmaßlichen Täter

Der Mann, der eine Frau in Raum erstochen haben soll, schweigt bislang. Gestern haben Zeugen vor Gericht ausgesagt. Sie erzählten von Drogen, Paranoia und einem Sprung aus dem Fenster.

Der Mann wirkt schlaff, lässt Kopf und Schultern hängen. Schüchtern blickt er in den Saal 036 des Chemnitzer Landgerichts. Schwer vorstellbar, wie dieser Mensch eine Frau erstochen haben soll. Weil er des Totschlags verdächtigt wird, saß der 37-jährige Erzgebirger gestern auf der Anklagebank. Doch was in der Nacht der Bluttat passierte, dazu wollte er sich auch an diesem zweiten Verhandlungstag nicht äußern. Stattdessen sagten sein Vater und seine Schwester als Zeugen aus. Und auch die Mutter des Opfers sprach über den mutmaßlichen Täter.

Ihre 27-jährige Tochter, die Freundin des Angeklagten, war Ende April in einem Haus im Stollberger Ortsteil Raum getötet worden. Sie wurde gegen 3.30 Uhr in der Wohnung gefunden, in der sie zusammen mit dem Beschuldigten gelebt hatte. Die Frau lag tot auf dem Bauch, in ihrem Rücken steckte ein Küchenmesser. Sofort geriet der 37-jährige Freund in Verdacht. Er war mit dem Auto davon gefahren, bevor die Polizei eintraf. Nur wenige Stunden danach fassten ihn Streifenbeamte bei Kulmbach.

Die Mutter des Opfers beschrieb den mutmaßlichen Täter gestern als undurchschaubaren Menschen, als Schauspieler, der ihre Tochter manipuliert habe. Die junge Frau sei stets freundlich und hilfsbereit gewesen, und der Angeklagte habe sie ausgenutzt. Während Mutter und Tochter sich früher alles erzählt hatten, sei die junge Frau immer verschlossener geworden. Als die Mutter sie einmal besuchte, habe die Tochter einen beklemmten Eindruck gemacht. Die Wohnung, erzählte sie, wirkte kühl, unheimlich und penetrant ordentlich. Das Paar habe sich oft gestritten und getrennt, um dann nach wenigen Tagen wieder zueinander zu finden. Ein ständiges Hin und Her. Irgendwann fiel der Mutter auf, dass Neurodermitis und Mundrose ihre Tochter plagten. Und dann war da noch dieser mysteriöse Aufenthalt in Irland, der offenbar mit psychischen Problemen des Mannes zu tun hatte. Dass die junge Frau in Todesgefahr schwebte, lag allerdings jenseits dessen, was sich die Mutter vorstellen konnte. "Diese Brutalität hätte ich ihm nicht zugetraut", sagte sie gestern.

Wie ernst die seelischen Probleme des Angeklagten zu nehmen sind, verdeutlichte die Aussage seines Vaters: Als Jugendlicher sei er in eine Clique geraten, in der auch Drogen genommen wurden. Um welche Substanzen es dabei ging, konnte der Vater nicht sagen. Aber der Sohn veränderte sich mehr und mehr. "Man konnte nicht mehr in ihn reingucken." Vor einigen Jahren, so der Vater, verschlechterte sich die Situation, der Sohn litt auf einmal unter Verfolgungswahn. Eines Tages stürzte er sich aus einem Fenster. Er fiel aus einer Höhe von gut zehn Metern zu Boden und musste im Krankenhaus behandelt werden. Als die Eltern ihn später in eine Psychiatrie bringen wollten, stieg er vorher aus dem Auto. "Wir haben alles versucht", sagte der Vater gestern. Doch der Sohn habe sich geweigert. Schließlich sei er bereits volljährig gewesen, und man könne ihn nicht zur Behandlung zwingen, hätten die Ärzte gesagt.

Auch die Schwester des Angeklagten berichtete vom Verfolgungswahn ihres Bruders, davon, dass er Autokennzeichen notierte, sich beobachtet fühlte. "Vielleicht war da auch ein Fünkchen Wahrheit." Möglich, dass es einmal jemand auf ihn abgesehen hatte. Aber er habe sich oft hineingesteigert und dann in jedem Auto und in jedem Fußgänger Böses vermutet.

Der Angeklagte blieb gestern weitgehend still. Offen blieb, ob er überhaupt schuldfähig ist. Die Gutachten des Rechtsmediziners und des Psychologen stehen noch aus. Der Prozess wird am Dienstag, 13. November fortgesetzt.

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