Wo es egal ist, ob der Papa auf Montage oder im Gefängnis ist

Gut 250 Kinder von Strafgefangenen nutzen jedes Jahr das Angebot für eine Freizeit oder ein Familienwochenende. Dahinter steckt das Gemeindejugendwerk Sachsen, das seinen Sitz in Stollberg hat.

Stollberg/Hohenstein.

Sie heißen Flinker Krieger, Treue Biene, Fröhlicher Bär oder Strahlende Morgenröte. Denn hier sind sie kleine Indianer. Indianer, die stark sind, und die das Leben draußen genießen. Geländespiele im Wald, schlafen im Zelt, Ausflüge in die Umgebung, am Lagerfeuer singen, quatschen, basteln und werkeln- das alles füllt in dieser Woche die Tage der Kinder zwischen 7 und 13 Jahren auf der Ranch Pfaffenberg am Rande von Hohenstein-Ernstthal. Sie kommen aus ganz Sachsen, zum Teil darüber hinaus und sie haben eines gemeinsam: Mitglieder ihrer Familie, meist der Vater oder die Mutter, sind oder waren Strafgefangene.

Doch das spielt hier keine große Rolle. "Wir thematisieren es nicht. Wenn die Kinder untereinander drüber reden, ist das natürlich okay. Aber sie müssen es nicht", erläutert Martina Ingrisch, die aktuell das Kluge Erdmännchen ist. "Wir wollen die Kids abholen, ihnen zeigen, dass es auch noch etwas anderes gibt und dass sie wertvoll sind."


Die 43-Jährige leitet ehrenamtlich den Arbeitskreis Indianer, eine Abteilung im Gemeindejugendwerk Sachsen. Dieses organisiert jedes Jahr für mehr als 250 junge Menschen vom Grundschulalter bis 27 Jahre verschiedene Freizeiten. Für die Indianer gibt es neben der Teeniefreizeit auch Wochenenden, bei denen die ganze Familie dabei ist. Das sind dann die Momente, in denen Martina Ingrisch die Eltern der Kinder näher kennenlernt. "Wir erfahren im Normalfall nicht, warum der Angehörige im Gefängnis ist. Ich will das auch gar nicht wissen. Umso neutraler kann ich dem Kind begegnen." Schlimm genug sei es, dass die Kinder damit in der Schule aufgezogen, gar gemobbt werden. Martina Ingrisch hält sich auch zurück, wenn eines der Kinder erzählt, dass der Papa gerade auf Montage ist.

Das Gemeindejugendwerk Sachsen ist christlich geprägt und ein anerkannter Träger der freien Jugendhilfe. Es finanziert sich in erster Linie über Spenden, dazu fließen Fördermittel vom Freistaat. Hauptamtlich arbeiten in dem Werk, das an der Chemnitzer Straße in Stollberg sitzt, nur drei Personen. Mehr als 150 Ehrenamtliche stemmen die Angebote, die vorbereitet sein wollen. Denn es gibt die Skifreizeiten, Jugendevents, Abenteuercamps und - wenn die Nachfrage stimmt - demnächst sogar eine Segelfreizeit. Jeweils gestaffelt nach Altersgruppen.

Damit genügend Zeit für die Kinder bleibt, ist der Betreuungsschlüssel hoch. So sind in dieser Woche beim Indianercamp 22 Mitarbeiter für 15 Kinder dabei. "Wir könnten bis zu 35 mitnehmen. Aber wir merken, dass die Familien zunehmend verschlossener werden", berichtet Martina Ingrisch. Bei denen übrigens, sagt sie, alle sozialen Schichten vertreten sind. Und es handelt sich längst nicht nur um Männer, die inhaftiert sind oder waren. "Gerade im offenen Vollzug sind es oft die Mütter", weiß Ingrisch aus Erfahrung.

Jedes Camp steht unter einem Motto, dieses Jahr an Psalm 23 angelehnt. Es geht um Lebenswege und Orientierung, um Kraftquellen. "Es ist aber nicht so, dass wir mit der Bibel vorne stehen. Es geht darum, dass wir vorleben, was uns Kraft gibt." Deshalb steht auf dem Gelände auch ein Gebetszelt. Wer möchte, kann sich segnen lassen. Im Camp sollen die Kinder einfach mal Urlaub machen dürfen. "Der Kühlschrank ist voll, sie sollen sich richtig satt essen", sagt Mitarbeiterin Franzi Gottschling. "Wir wollen sie verwöhnen." Außerhalb des Camps gibt es viele Helfer, etwa Hobbybäcker, die Kuchen bringen, oder Fleißige, die einen nass gewordenen Schlafsack durchwaschen. "Wir brauchen drei bis fünf Bleche Kuchen täglich", lacht Martina Ingrisch. Für sie ist es bereits das neunte Sommercamp. Eigentlich arbeitet die 43-Jährige als Angestellte in einer Behörde, das hier ist ihr Sommerurlaub. Einst kam sie über einen Aufruf in ihrer Baptistengemeinde in Zwickau zum Gemeindejugendwerk. Ihre Tochter, die inzwischen 18 Jahre ist, hat sie längst mit dieser Arbeit angesteckt. "Manche Indianer sehen wir jedes Jahr wieder. Das ist ein schönes Gefühl."

Auch wenn die Arbeit ehrenamtlich bleibt, sind die Mitarbeiter geschult. "Wichtig ist es zum Beispiel, vorsichtig mit Berührungen zu sein. Das muss immer vom Kind ausgehen", erläutert Franzi Gottschling. "Auch machen wir keine Nachtwanderung mit Erschrecken, weil man nie weiß, was man bei den Kids triggert." Das bedeute aber nicht, dass jedes Kind traumatisiert sei. "Wir sind auch nicht dazu da, um zu therapieren", ergänzt Martina Ingrisch. "Aber wir geben den Kindern einen Raum, wo sie sich öffnen können."

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