Adam und Ivan

In "Adams Äpfel" geht es um einen Neonazi, einen durchgeknallten Pfarrer und die Frage, was uns Ideologien bringen. Die schwarze Komödie hatte am Samstag im Chemnitzer Theater Premiere. Ihr Problem ist: Die Messlatte der Filmvorlage liegt hoch.

Chemnitz.

Pfarrer Ivan hat ein Ziel: Er will den aus dem Gefängnis entlassenen Neonazi Adam resozialisieren. So, wie er das auch bei dem Alkoholiker Gunnar und dem Tankstellenräuber Khalid geschafft hat, wie er zumindest behauptet. Bei seinen Resozialisierungsprojekten offenbart Pfarrer Ivan allerdings einen fanatischen Weltblick - der jedoch ein Schlüssel ist, um in Neonazi Adam etwas zu drehen. Das Problem: Im Film "Adams Äpfel" funktioniert das besser als in der Bühnenfassung, die am Samstag im Chemnitzer Schauspielhaus Premiere hatte.

Nun muss man fairerweise sagen: Theaterregisseur, in diesem Fall der Chemnitzer Schauspielchef Carsten Knödler, und Theaterschauspieler machen es sich nicht leicht, wenn neben der Bühnenfassung ein Film existiert. Filmkundige Zuschauer kommen ums Vergleichen gar nicht herum. In diesem Fall handelt es sich auch noch um den preisgekrönten Streifen "Adams Äpfel" von 2005 mit dem großartigen Mads Mikkelsen als Pfarrer Ivan. Mikkelsen hat es ein Jahr darauf bis zum fiesen Gegenspieler von James Bond in "Casino Royale" gebracht. Auch den Pfarrer in "Adams Äpfel" spielt er nicht nur als einen Menschen, der ans Gute glaubt, sondern als einen, in dessen gnadenloser Unbeirrbarkeit sich der Wahnsinn spiegelt.

Pfarrer Ivan beharrt darauf, dass alles gut ist. Schlechtes blendet er aus. So sieht er auch nicht, dass Gunnar weiter trinkt und Khalid weiter raubt. Selbst dem im Sterben liegenden Poul, der bereut, im KZ Menschen ins Unglück getrieben zu haben, entgegnet er: Halb so schlimm, "jeder baut mal Mist". Das ist so bitterböse schwarz, dass dieser und ähnliche Sätze auch im Chemnitzer Schauspielhaus ihre Wirkung nicht verfehlen: Viele Zuschauer lachen, andere schütteln den Kopf, wieder anderen bleibt das Lachen eben auch im Halse stecken. Textfassungen von Film und Theaterstück sind weitgehend gleichlautend. Aber, und das ist ein Unterschied: Pfarrer Ivan im Film merkt man an seinen biestig geäußerten Bemerkungen, seinem von oben herab geführten Tonfall und dem durchdringenden Blick an, wie er sich überhöht. Sinnbildlich hämmert er alles in sein Weltbild, bis es passt. Lässt nichts anderes gelten. Eine tickende Zeitbombe. Darin ähnelt er dem selbstredend ebenso irren Neonazi Adam. In ihrer beider Selbstüberhöhung und Verbissenheit befinden sie sich auf derselben Linie eines Koordinatensystems, nur an gegenüberliegenden Punkten. So wird es ihnen aber auch erst möglich, sich als Gegenspieler zu akzeptieren.

Pfarrer Ivan auf der Theaterbühne, gespielt von Christian Ruth, ist da etwas anders angelegt. Vor dem hat man keine Angst, dem fehlt die Biestigkeit. Er macht eher den Eindruck eines früheren Waldorf-Schülers. Eigentlich ein ganz Lieber. So einen aber wird ein Neonazi insgeheim kaum respektieren - im Film hingegen kann er das, und dieser Zugang zu dem übernatürlich willensstarken Film-Pfarrer ist der erste Schlüssel - Ivans eigene Wandlung dann der zweite - dafür, dass aus Adam ein besserer Mensch wird. Das wird er auch auf der Theaterbühne, nur lässt es sich wegen des weicheren Pfarrers schwerer nachvollziehen. Auch Adam, gespielt von Marius Marx, gibt auf der Bühne einen Tick zu viel den scheinbar teilnahmslosen, herumstehenden Neonazi. Der ist auch im Film kein Energiebündel, bewegt sich aber weniger steif und somit ebenfalls glaubhafter. Aber noch einmal: Gäbe es keinen Film, gäbe es keinen Vergleich. Am Ende lässt sich sagen: Ruth und Marx spielen nicht grandios wie ihre Filmkollegen, aber dennoch gut.

Das Theaterstück ist auch schon deshalb sehenswert, weil das Thema so stark ist. Es führt ein Wesensmerkmal von Ideologien vor: die Überhöhung. Und dass es nichts bringt, wenn Ideologen alles in ihr Weltbild zwängen. Sie werden unglaubwürdig, spröde, müssen Energie darauf verwenden, ihr Bild vor der Wirklichkeit zu schützen - Stichwort: Fake News. Stattdessen kann das Hinterfragen, Neubewerten, Aufeinanderzugehen so viel Besseres bewirken!

Gut funktioniert auch das Bühnenbild (Teresa Monfared) mit prächtigem Apfelbaum und gleichzeitig vorhandenen Räumen wie Kanzel, Garten und Küche, die unkomplizierte Szenenwechsel ermöglichen. Auch die anderen Schauspieler füllen ihre Rollen gut; Gunnar (Philipp von Schön-Angerer) ist agiler angelegt als der bräsige Gunnar im Film - in diesem Fall ein Pluspunkt fürs Theater, weil er mit für Tempo sorgt.

Weitere Aufführungen von "Adams Äpfel" im Chemnitzer Schauspielhaus an der Zieschestraße 28 sind am 9., 18., 24. Mai und 1. Juni jeweils um 19.30 Uhr zu sehen. Ticket-Hotline: 0371 4000430.

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