Baumwolle für die Kunst

Die Museumsinsel lockt nun mit einem eindrucksvollem Eingangskomplex: Benannt ist der Bau nach Sammler Henri James Simon - dem jüdischen Mäzen verdankt Berlin einige seiner bekanntesten Kunstwerke.

Berlin.

Mit der neuen James-Simon-Galerie auf der Berliner Museumsinsel will die Stiftung preußischer Kulturbesitz die Bedeutung jüdischer Mäzene für die Entwicklung der Museumslandschaft in Deutschland betonen. Henri James Simon (1851-1932) sei einer der ganz großen Mäzene gewesen, "die so unendlich viel für Kultureinrichtungen in Deutschland und eben auch in Berlin getan haben", sagte Stiftungspräsident Hermann Parzinger in Berlin. "Wir wollen etwas gegen das Vergessen tun." Michael Eissenhauer, Generaldirektor der Staatlichen Museen, sprach von einer "unfassbar großzügigen Schenkung, die etwa 10.000 Objekte umfasst und in zehn unserer insgesamt 16 Sammlungen Fußspuren hinterlassen hat". Das wohl berühmteste Werk ist inzwischen so etwas wie ein Wahrzeichen Berlins: die Nofretete. Die Büste der Hauptgemahlin von König Echnaton aus dem 14. Jahrhundert vor Christus stammt ebenfalls aus der Sammlung von Simon.

Der Mäzen stammte aus einer jüdischen Schneiderfamilie, die mit Herrenmode in Berlin wohlhabend geworden war - und dann durch einen eigenen Baumwollhandel reich: Als während des amerikanischen Bürgerkrieges Mitte des 19. Jahrhunderts der Baumwollexport nach Europa zusammenbrach, explodierte mit dem Marktpreis auch der Wert der großen Lagerbestände des Unternehmens. James Simon, somit einer der reichsten Männer Berlins, wurde wegen seines Sachverstandes neben Granden wie AEG-Gründer Emil Rathenau zum Berater von Kaiser Wilhelm II., welcher Simons bei Entscheidungen zu jüdischen Belangen hinzuzog - nicht selbstverständlich in einer Zeit des grassierenden Antisemitismus, zumal die Judenfeindlichkeit den liberalen Simon auch für sozialdemokratische Ideen geöffnet hatte. Der Millionär war zudem ein ausgesprochen kunstsinniger Mensch, der als treibenden Kraft hinter der "Deutschen Orient-Gesellschaft" stand, deren Ausgrabungen er mit großen Summen förderte. Parallel baute er als erster Berliner unter fachlicher Beratung des legendären Kunsthistorikers Wilhelm von Bode eine systematische Privatsammlung ungekannten Ausmaßes auf - von der Renaissance über das Mittelalter bis zur Antike. Als der "preußische Patriot", als der Simon sich verstand, schenkte er seine Sammlungsteile nach und nach den Berliner Museen und bildete damit einen wesentlichen Grundstock für deren heutigen Schatz. Für den Mäzen ist daher nun auch wieder sein altes Kabinett im Bode Museum eingerichtet, das 1938 während des Nationalsozialismus geschlossen worden war. Dieser Raum ist nach Angaben der Stiftung für eine Dauer von 100 Jahren Teil des Schenkungsvertrags. "Dass das Kabinett jetzt wieder eingerichtet wurde, ist tatsächlich ein Bewusstwerdungsprozess", so Eissenhauer.

Die Galerie, aus Sicht Parzingers das siebte Museum auf der zum Weltkulturerbe zählenden Museumsinsel, wurde am gestrigen Freitag eröffnet. Das Gebäude mit einer Nutzfläche von 4600 Quadratmetern hat der britische Stararchitekt David Chipperfield realisiert. Die 134 Millionen Euro teure James-Simon-Galerie dient nicht nur als Eingangs- und Servicebereich, sondern soll die Museen künftig auch über eine unterirdische Promenade verbinden. dpa/mit tim

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