Besuch bei den Gronauten

Udo Lindenberg hielt einst nichts in dieser Stadt, und er suchte das Weite. Doch Gronau weiß die Berühmtheit des verlorenen Sohnes zu nutzen.

Gronau.

An Udo Lindenberg kommt hier keiner vorbei. Nähert man sich von Osten der Stadt Gronau und fährt Richtung Zentrum, steht er plötzlich vor einem. Überlebensgroß. Auf der Mittelinsel eines Kreisverkehrs. Das Mikro weit überm Kopf und den Oberkörper nach vorne gebeugt als wolle er angreifen, stellt er sich dem Ankömmling in den Weg. Die Bronzestatue steht genau an der Stelle, an der Udo einst als Jungspund den Daumen in den Wind hielt, um in die große weite Welt aufzubrechen. Im Song "Mit dem Sakko nach Monaco" nennt er die Ochtruper Straße die schönste der Stadt - weil sie aus Gronau hinausführt.

Vor zwei Jahren erst wurde die drei Meter hohe Figur wieder aufgestellt, nachdem sich zuvor Risse gezeigt hatten und sie auf dem städtischen Bauhof restauriert werden musste. Dabei stellte sich heraus, dass sie gar nicht aus Bronze war, sondern nur aus einer Kupfer-Zink-Legierung. Keine Panik. Kein Problem. Als Ersatz hielt zwischenzeitlich ein Mini-Udo die Stellung. Der "Lindenzwerg", wie ihn die Gronauer nannten, wurde prompt geklaut. Und wenig später wieder aufgefunden. Unversehrt in einer Hecke. Wer will, kann sich eine Replik davon kaufen. Ein Teil des Erlöses kommt der Udo-Lindenberg-Stiftung zu. Die Galerie im Gewerbegebiet, wo es die Repliken gibt, gleich zwischen dm-Markt und Getränke Hoffmann, hat der Besucher gerade links liegen lassen. Nimmt er im Kreisel dann die erste Ausfahrt, taucht 600 Meter weiter Udos Elternhaus, Gartenstraße 3, auf. Eine von Berliner Fans gestiftete goldfarbene Tafel an der in die Jahre gekommenen Fassade erinnert an den berühmtesten Sohn der Stadt, der am 17. Mai 1946 in Gronau geboren wurde.

Außer zwei kunstgeschichtlich eher unbedeutenden Kirchen aus dem 19. Jahrhundert und einem Whisky-Salon gleich nebenan hat die 50.000-Seelen-Gemeinde an der niederländischen Grenze nicht viel zu bieten: Religion und Alkohol. Zwei Arten, um zu entfliehen. Nicht nur an Sonntagen steht diese Stadt still, die inmitten von schwerem Schwemmland und unzähligen Geflügelfabriken liegt, die ihre silbernen Belüftungsrohre in den Himmel recken. Eine dritte Möglichkeit, zu entkommen, ist die Musik. Wie es Udo Lindenberg erging, erzählt im Kino gerade Hermine Huntgeburths launiges Biopic "Lindenberg! Mach Dein Ding!". Der Film wird so manchen Touristen nach Gronau locken. Das neue Besucherzentrum am Bahnhof wird demnächst öffnen. Nicht weit davon entfernt, keine 500 Meter zu Fuß, befindet sich die größte Attraktion der Stadt: das 2004 eröffnete Rock'n'Pop-Museum. Das bundesweit einzige Museum für Rock- und Popgeschichte.

Natürlich war auch hier Udo Lindenberg Ideengeber. Der Landkreis Borken und das Museumsamt erstellten den Finanzplan, die Macher der Popkomm das Konzept. Die Rock'n'Popmuseum gGmbH als gemeinnützige Gesellschaft betreibt die in einer ehemaligen Turbinenhalle des Textilunternehmens Mathieu van Delden untergekommene Sammlung. Die Kosten für den Ausbau als Ausstellungshalle betrugen 15,5 Millionen Mark. Wo früher Turbinen surrten, wummern heute Bässe. Und so liegt das Schmuckstück inmitten des Landesgartenschau-Geländes von 2003 zwischen Inseln und Kanälen direkt am "Udo-Lindenberg-Platz 1".

Gegliedert in neun Themeninseln bietet das Rock'n'Pop-Museum einen Überblick über 100 Jahre Rockgeschichte. Hat man das Foyer erst mal passiert, wo neben dem Schlagzeug Udo Lindenbergs eine seiner Zeichnungen an der Wand hängt, auf der er alle Gronauten grüßt, steht man schon wieder vor dem Panikrocker. Diesmal begrüßt er die Besucher von Monitoren herunter. Die psychedelische Tapete dahinter vermittelt den Eindruck, als sei man in Udos Wohnzimmer. Mit Kopfhörern auf den Ohren, über die die passenden Songs eingespielt werden, beginnt eine Zeitreise. Von den Anfängen mit Chuck Berry, Elvis Presley und Woodie Guthrie über Beatles und Stones bis hinein in die Gegenwart. Bob Dylans signierte Mundharmonika ist zu sehen. Eine Gitarre von The-Who-Gitarrist Pete Townsend. Eine Maske von Marilyn Manson. Und die roten Schuhe von Sex-Pistols-Sänger Johnny Rotten. Dazu jede Menge Plattencover und historische Fotos.

Neben Musikrichtungen wie Heavy Metal, Hip-Hop oder Rap gibt es eine Ecke, die über Punk in der DDR informiert. Gleich daneben eine Tafel über Dschungel-Punk in Indonesien. Regelmäßig gibt es Sonderausstellungen. Die nächste beginnt im Mai und wird sich rechtzeitig zum Beethoven-Jahr der Rezeption seiner Musik im Rock widmen. Vom Fankult erzählt eine Themeninsel, eine andere von Studiotechnik. Der Besucher kann auf einem Klangpfad nachvollziehen, wie sich der Sound von der Schellackplatte über LP und CD bis zum 3D-Hörerlebnis verändert hat. Und alle 20 Minuten gehen in der ehemaligen Turbinenhalle die Lichter aus, und auf riesigen Monitoren über den Köpfen der Besucher gibt es im sogenannten "Pophimmel" Ausschnitte aus Livekonzerten von den Scorpions oder Queen. Gehen die Lichter wieder an, gibt es original Bühnenoutfits von David Bowie, Gene Simmons (Kiss) und Madonna zu sehen.

Im Keller wartet noch das originale Tonstudio der Avantgarde-Krautrocker von Can, das in Wei-lerswist ab- und in Gronau wieder aufgebaut wurde. Seltsam verstaubt wirkt die analoge Technik von damals. Der Nachwuchs, der bei der sonntäglichen Kinderdisco herumhüpft, kümmert sich nicht um die vielen Regler an den Mischpulten. Er fiebert zusammen mit Mama und Papa verkleidet in bunten Kostümen der anschließenden Karaoke-Show mit dem Zappeltier entgegen. Die nächste Generation in Gronau ist versorgt. Ob es auch sie einmal hinaus in die weite Welt ziehen wird wie einst Udo?

Das Rock'n'Popmuseum, Gronau, Udo- Lindenberg-Platz 1, hat Dienstag bis Sonntag jeweils von 10-18 Uhr geöffnet.


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