Böhmisches Berlin

Mitten in Neukölln, der Berliner Herzkammer der Migrationsgesellschaft mit türkisch und arabisch geprägten Straßenzügen, liegt ein ganz und gar unwahrscheinliches Quartier: das Böhmische Dorf. Seit Jahrhunderten leben hier Familienstämme, denen Preußen einst die Zuflucht gewährte. Ein Ortsbesuch.

Berlin.

Als die Armeen Friedrichs des Großen ab 1740 in Böhmen einfielen, weil der Preußenkönig sein Land vergrößern wollte, änderte sich das Leben der Eheleute Krystek für immer. In ihrem habsburgischen Dörfchen wurden sie als Protestanten verfolgt. Die Häscher des Papstes, vor allem der Jesuitenorden, hatten lange Zeit Angst und Schrecken verbreitet. Friedrichs Kriegszug bot Krysteks ein Entkommen.Die böhmische Reformation begann 70 Jahre vor Luther. Fast die gesamte Bevölkerung Böhmens sagte sich vom alten Glauben los. Aber 1620 unterlagen die Protestanten in der Schlacht am Weißen Berg bei Prag den Kaiserlichen, und die Rekatholisierung Böhmens begann. Heute stellen die Protestanten in Tschechien ein Prozent der Bewohner.

Die Eheleute Krystek im 18. Jahrhundert lasen in ihrem Dorf in Ostböhmen die tschechische Bibel im Geheimen. Sie ergaben sich der Rekatholisierung nicht. An einem geheimen Zeichen erkannten sich die Glaubensbrüder: einem Wacholderbusch, der neben der Haustür stand.Die Krystek-Söhne waren 1737 emigriert. Sie lebten in Böhmisch-Rixdorf, damals vor den Toren Berlins gelegen, heute ein Teil Neuköllns. Als der Alte Fritz nach Böhmen zog, nutzten die Männer, die als Exulanten vom Militärdienst befreit waren, den Schutz von Friedrichs Streitmacht, um ihre Eltern zu sich ins Exil zu holen. Der Plan gelang. Die Eltern, von der Flucht so geschwächt, dass sie meilenweit huckepack getragen werden mussten, kamen in Rixdorf wieder zu Kräften und lebten noch viele Jahre.

Ein Nachfahre dieser Einwanderer in siebenter Generation ist der Wirtschaftsprofessor Ulrich Krystek, Bewohner eines historischen Hofs im Böhmischen Dorf und Chef des Archivvereins, der die Geschichte des Dorfes bewahrt. Das Archiv verfügt über eine Sammlung von Lebensläufen über drei Jahrhunderte. Die Rixdorfer Böhmen rechneten sich mehrheitlich der Herrnhuter Brüdergemeine zu. Zu deren Gepflogenheiten gehört es, den eigenen Lebenslauf zu schreiben. Der Rixdorfer Archivar Stefan Butt erzählt: "Die ersten Lebensläufe aus der Barockzeit sind in einer formelhaften, emblematischen Sprache geschrieben. Das Schicksal des Einzelnen tritt zurück. Trotzdem wissen wir aus ihnen, wer die ersten Siedler waren."Hinter den Urböhmen lag eine kräftezehrende, aufreibende Flucht. Die Neu-Rixdorfer stammten zumeist aus Èermná, einem Dorf der Pardubicer Region, das 1936 geteilt wurde und dessen katholischer Teil nach dem Münchner Abkommen ins Sudetenland eingegliedert wurde. Diese Wunde schmerzt bis heute. Zur Zeit der Rekatholisierung lebten dort "bessere Leibeigene", wie Stefan Butt erklärt, einfache Leute, die der Hoheitsgewalt eines Grundherrn unterstanden. Ab 1722 hatte in der Oberlausitz der strenggläubige Graf Zinzendorf böhmischen Protestanten Zuflucht gewährt. Daraus entstand Herrnhut, und man hörte davon auch in den fernen Dörfern. "Mähren, die aus Herrnhut kamen und berichteten, entfachten in Čermná das Feuer", sagt Butt. "Eines Nachts stahlen sich hundert Leute weg. Sie trafen sich nach einer Woche am Fuß des Adlergebirges, wo es Führer gab, die sie über die Grenze brachten." Die Flüchtlinge auf ihrem Weg waren Überfällen, Raub und Nachstellungen ausgesetzt. Schon der Beginn kostete einige von ihnen das Leben.

Die Glücklicheren landeten in Gerlachsheim, heute im polnischen Schlesien, damals zur Oberlausitz gehörig. Sie arbeiteten hart, und der Seelsorger Augustin Schultz predigte für sie. Als sie sich letztlich in diesen ausbeuterischen Zuständen mit der Herrschaft überwarfen, richteten die Exulanten ihre Hoffnungen auf Preußen und Berlin.

Dort regierte der "Soldatenkönig" Friedrich Wilhelm I., Sohn des ersten Preußenkönigs und Vater Friedrichs des Großen. Ein Herrscher, dem das Land sehr viel verdankt. Er baute die Staatsschuld ab und schuf eine schlagkräftige Armee, ohne sie in Kriegen zu verschleißen. Brandenburg litt 200 Jahre an den Folgen des Dreißigjährigen Krieges, in dem es die Hälfte seiner Bevölkerung verloren hatte. Der Große Kurfürst, Friedrich Wilhelms Großvater, holte Ausländer und bevölkerte das Land, indem er jüdische Wiener Kaufleute und französische Hugenotten, Schweizer und niederländische Zuwanderer willkommen hieß. Friedrich Wilhelm I. tat es ihm nach. Als die Große Pest 1709 ein Drittel der Bevölkerung Ostpreußens dahinraffte und viele Dörfer wüst lagen, lud er Salzburger Exulanten ein.

Auch den böhmischen Flüchtlingen, die zuerst in Cottbus preußisches Territorium betraten, reichte der König die Hand, wenn auch zaudernd. "Friedrich Wilhelm I. hatte einen ziemlich perfekten Überwachungsstaat", berichtet Stefan Butt. "So erfuhr er aus Cottbus, dass da abgerissene Leute kamen, humpelnd und schrumpelnd nach der langen Flucht". Das erste Wort, das in diesem Zusammenhang vom König überliefert sei, habe gelautet: "Ich brauch kein Bettlervolk!"

1732 kamen die ersten Böhmen, viel mehr als von der königlichen Verwaltung erwartet, nach Berlin und kampierten am Halleschen Tor auf den "Schlächterwiesen", wo die Bauern sonst ihr Schlachtvieh sich fettfressen ließen. Nach und nach stahlen die Ankömmlinge sich in die Stadt hinein. Adlige und Handwerker böhmischer Herkunft gewährten ihnen Unterschlupf; einer ließ einmal hundert Ankömmlinge in seiner Dachkammer schlafen.

Was die königlichen Vorurteile betrifft, da hat sich Friedrich Wilhelm eines Besseren belehren lassen. Der König hatte in Preußen die allgemeine Schulpflicht eingeführt, doch ehe sie Friedrich II. tatsächlich durchsetzte - Jahrzehnte später - kümmerte das Bauernvolk sich nicht weiter darum. Sie brauchten ihre Kinder zur Arbeit auf den Feldern. Die Böhmen aber erwiesen sich als des Lesens und Schreibens kundig, sie waren zudem bibelfest.

Der König stellte ihnen Grundstücke in der Wilhelmstraße und Bauholz zur Verfügung. Als fünf Jahre nach der ersten Welle die Rixdorfer Urböhmen aus Čermna kamen, zeigte er sich noch großzügiger. Er ließ eine Siedlung von neun Doppelhäusern für 18 Familien bauen und stattete die Familien mit Milchkühen, Pferden und Feldern in Neukölln und Treptow aus, befreite sie von Steuern und vom Militärdienst und ließ ihnen ihr eigenes Schulzenamt und damit eine eigene Gerichtsbarkeit. Nach schweren Anfängen blühte die Gemeinde auf und überdauerte die Zeiten. 1909 errichtete die Gemeinde dem König in Dankbarkeit ein Denkmal.

Über diese Vergangenheit des Böhmischen Dorfes informiert heute ein Museum. Stefan Butt führt Besucher durch das Viertel, über den Gottesacker und in die Höfe, in denen man das sie umtosende Großstadtleben vergessen kann. Das Areal steht unter Denkmalschutz. Nachdem ein Feuer 1849 die Gründerhäuser fast alle aufgezehrt und eine Bombe im zweiten Weltkrieg auch noch das Allerletzte getroffen hatte, bewahren die nach dem Brand wieder aufgebauten Höfe historischen Charme. Von den 18 Ursprungshöfen befinden sich heute noch sechs in böhmischer Hand, sagt Stefan Butt. Die dort leben, gehören zur siebenten bis zwölften Einwanderergeneration.

Führungen: Telefon 030 68999720

www.boehmisches-dorf.de

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